»Du leugnest, jedoch vergebens! Die alte Ammfrau Bernin sah dich und Edeltraut Göbel mit vielen anderen auf dem Kreidenberge, wo sich die Hexen um den Satan scharen.«
Edeltrauts schönes Antlitz färbte tiefes Rot. Ein edler Zorn blitzte aus ihren stolzen Augen.
»Ihr Herren,« sprach sie mit hoher Würde, »was ihr die arme Elsa fraget, werdet ihr auch mir entgegenhalten. Ich will euch darum zuvorkommen und ungefragt euch antworten. So hört! 's ist eine Schmach, die ewig über Würzburgs Mauern schweben wird, daß Männer zu Gerichte sitzen, die nicht viel besser sind als Mörder. 's ist eine Schmach, daß man, um dem tollen Wahne stets neue Opfer zu schlachten, jedem Worte Glauben beimißt, das wilder Schmerz, Verzweiflung, das euere Grausamkeit erpreßte. Noch mehr! Es ist eine Schmach, daß man an Hexen glaubt, wie ihr, daß man von dieser Stelle aus das Volk in seinem Glauben, seinem Glücke, in seinem Leben mordet. Ihr stolzen, harten Herren seid es, die in dem armen Volke das Gift nicht sterben lassen, ihr seid es, welche die Scheiterhaufen bauen und die Schwerter schleifen. Ihr habt nicht Herz noch Hirn; denn hättet ihr eines, so säßet ihr nicht hier. Ihr stürztet schamerfüllt hinaus aus diesem Saale und suchtet einen Erdenwinkel, wo euch die Schande nicht erreicht. Ich weiß, ich spreche kühn, und euere Augen sprühen Zorn. Und doch ist mein Wort, und tauchte es auch in Wermutfluten, nicht so herb als euer Tun! Euch ist nichts heilig mehr als euere Torheit. Den Räubern gleich dringt ihr in die Häuser und stehlt, um dann zu morden. Mich habt ihr herzlos weggerissen aus meines Vaters Armen, den nun der Schmerz um seine Tochter aufs Krankenlager warf. Daß Göbels Haus und Ruf ein Schmuck für unsere Stadt gewesen ist, daß an dem Namen, den mein Vater trägt, und der mir als heiliges Erbe galt, kein Makel hängt, das habt ihr schnell vergessen, seit euch ein altes Hirn im Schmerzenswahnsinn grause Märchen erzählte. Wo ist der Mensch, der mich auf schlimmen Wegen sah, wo ist die Zunge, die, ohne falsch zu zeugen, mir auch nur den Schatten des Lasters aufbürden kann, dessen ihr mich zeihet? Stolz nannten sie mich, die Edeltraut Göbel, weil sie nicht zum gemeinen Haufen niederstieg mit Kopf und Herz, stolz schalten sie mich, da ich mit Verachtung auf die klugen Köpfe niedersah, die keine höhere Weisheit kennen, als Hexen spüren. Jetzt sollt ihr recht bekommen. Ja, stolz will ich euch gegenübertreten, will euch sagen, daß ich euch tief verachte. Ich weiß, dies Wort macht euere Herzen noch bitterer; auch das verachte ich, wie ich die Welt verachte, die solche Richter trägt.«
»Laßt mich; noch bin ich nicht zu Ende. Bis jetzt sprach ich für mich. Nun laßt mich auch für Elsa Gering sprechen. Wenn in euch noch nicht der letzte Funke von Gefühl erloschen ist, wenn ihr als Väter noch von Liebe gegen Kinder wißt, so schaut mit kaltem Auge dieses Mädchen an, wenn ihr es vermögt. Als Kind der ›kleine Engel‹ von allen Lippen genannt, war sie der Schmuck der Stadt. Zur Jungfrau aufgeblüht, fand man sie nur im Gottes- und im Vaterhause. Auch nicht die schlimmste Zunge wagte sich an ihren Ruf. Sie ist wie eine Lilie, die aus dem Sumpfe blüht. Habt ihr sie beten sehen? Wohl kaum. Dazu habt ihr nicht Lust noch Zeit! Und hättet ihr sie beten sehen, so sprächet ihr nicht jenen Wahnwitz aus, Elsa Gering sei zur Hexe geworden. Ich will euch etwas sagen, gar weise Herren, was ihr wohl nicht versteht. Wollt ihr des Menschen inneren Wert ermessen, wollt ihr wissen, wie fest er in der Tugend begründet ist, so schaut ihn beten. Hier tritt des Menschen Seele auf die Oberfläche, hier könnt ihr wägen ihren Wert. Und hättet ihr nur einmal meine Elsa beten sehen, ihr hättet euch geschämt, sie als Hexe vor euch zu rufen. Dann nehmt das Leid, das auf ihr lastet. Ihr ist die Welt ein Buch mit ungelösten Siegeln. Sie kennt die Nacht mit ihrer Finsternis, doch nicht den Tag mit seinem Sonnenlichte. Was immer hier auf Erden lebt und was Schönes aus des Schöpfers Hand das Weltall schmückt, ist ihr ein Geheimnis, wie sie dem Bösen, das des Menschen Geist erdenkt, nicht Form noch Gestalt zu geben weiß. Sie, die die Nacht der Augen mit der Geduld des Engels erträgt, und deren Leben Liebe, Opfer und Gebet ist, sie soll im Bunde mit dem Satan stehen! Welche Weisheit! Oder sagt, ist Elsa wohl ein fahrendes Weib, das heimatlos aus unbekannten Fernen kam, und von dem ihr Herren gar nichts wißt, als was die böse Zunge einer Alten vor ihr redet? Ist sie nicht unter eueren Augen aufgewachsen, habt ihr sie nicht bis noch vor kurzer Zeit den Engel euerer Stadt genannt? Und nun? Fürwahr, ihr Herren seid große Geister, und euer Urteil ist fest wie Kartenhäuser, die das Kind sich spielend baut. Ein starkes Geschlecht fürwahr sind die Männer, nur schade, daß sie gleich den Windfahnen sind!«
»Ihr blicket finster, und euer Auge widerleuchtet Groll und Zorn. Immerhin! Wer hier, wie ich und Elsa, an der Scheide seines Lebens steht, der hat ein Recht zu offenem, freiem Worte. Ich hab's gesagt, ihr habt's gehört. Tut nun, was ihr nicht lassen könnt, an Recht und Pflicht ermahne ich solche Richter nicht.«
Die Räte und der Oberschultheiß sahen in der Tat mit zornglühenden Augen nach der kühnen Maid, die solche Worte sprach, als sei sie Richter und diese die Verbrecher.
»Ihr seid wohl mehr als kühn, Ihr seid geradezu frech,« stieß der Oberschultheiß in heller Wut hervor.
Edeltraut zuckte heftig zusammen, und tiefe Blässe deckte ihre schönen Züge.
»Frech!« rief sie, »frech nennt Ihr eine edle Jungfrau Euerer Stadt! Herr Oberschultheiß, dieses Wort entehrt mich nicht, es schändet den, der es gesprochen. Ich beuge gerne jeder Obrigkeit mein Haupt und meinen Sinn. Doch fordere ich für den Gehorsam, den ich leiste, und für die Achtung, die ich zolle, mein ganzes, unverkürztes Recht. Wo die Obrigkeit jedoch nach blinder Willkür waltet und Unrecht Recht und Wahnsinn Weisheit nennt, da hat der mißhandelte Untergebene wohl noch jenes letzte Recht, das des freien Wortes. Ihr könnt auch dieses nehmen, Ihr dürft ja nur zum Schwerte greifen, zu Galgen, Rad und Scheiterhaufen, denn gegen diesen Eueren letzten Machtspruch schweigt jede Widerrede.«