Julius Kalender war ein jovialer Mann von nahezu sechzig Jahren, trug immer eine Soldatenmütze, die den früheren Wachtmeister erkennen ließ, und war, wenn er behaglich vor seiner Bude stand, für seine lustigen Scherze, seine schlagfertigen Bemerkungen berühmt, denen auch die politische Würze nicht fehlte.

Den reinen Gegensatz zu diesem prächtigen Mann stellt der eigene Sohn dar: August Kalender. War jener heiter, so ist dieser meist mürrisch und verdrossen, besaß der Vater Gutmütigkeit, eine polternd rechtliche Lebensart, der Sohn ist tückisch, verschlagen und weiß nicht im geringsten Gut und Böse zu unterscheiden. War Julius darauf bedacht, nicht nur sein Auskommen zu finden, sondern auch etwas in den Strumpf zu tun, um dereinst seinem Einzigen eine Erbschaft hinterlassen zu können, August vereitelte diese Absicht so gut er konnte, indem er immer wieder die schwer erworbenen Groschen dem Vater herauslockte, der in selten gutartiger Weise jedesmal für die Schulden des Sohnes aufkam.

Der einzige Vorwurf, den wir diesem armen Vater machen könnten, wäre:

„Warum hast du deinen Jungen nichts Ordentliches lernen lassen? Ist eine Umgebung von Jahrmarktsbuden, Kasperltheatern, Panoptiken, Gauklerunternehmungen der richtige Ort für einen heranwachsenden Buben?“ Aber diesen Vorwurf hätte der lustige Julius gewiß nicht verstanden, dazu war er selbst zuviel Zigeuner, trotz seiner Seßhaftigkeit und des Bürgerrechts zuviel Kind des grünen Wagens.

Augusts Kindheit und Jugend muß gewiß so glücklich und frei gewesen sein, wie sie sich der phantastischste Neid eines „Stadtkindes“ gar nicht vorstellen kann.

Volks- und Bürgerschule machten ihm kein Kopfzerbrechen, denn sein Vater war leider nicht der Mann, über ein schlechtes Zeugnis oder über eine minder entsprechende Sittennote zu murren. Wenn andere Knaben ganze Nachmittage lang und manche Nachtstunde dazu über ihre Aufgaben gebeugt saßen, August durfte dem Vater in der Bude, wo’s immer lustig zuging, mithelfen, genoß das Glück, ein Kind der Hetzinsel zu sein, durfte ein Dasein führen, das für andere Jungen die höchste Romantik einschloß.

Es ist erwiesen, die unglückselige Mutter hat es selbst beteuert, daß der Alte seinem Sohn niemals Vorwürfe machte, sondern, wenn auch seufzend, alles hergab, was August von ihm verlangte. So liebte er diesen Sohn, der kein Kind mehr war, sondern ein erwachsener Mann von fünfundzwanzig Jahren.

Aber nicht nur die Mutter, auch andere haben sich gefunden, die für die abgöttische Liebe des Vaters zu seinem Sohn Zeugnis legen.

Und dennoch! Vor vierundzwanzig Stunden, um fünf Uhr morgens, lockt August, der Sohn, Vater Julius Kalender unter irgend einem Vorwand aus der Bude, verwickelt ihn in ein Gespräch und erschlägt ihn angesichts der grotesken Puppen mit dem Beil!!

Der Grund? Er ist vorläufig ein Rätsel, und es steht dahin, ob die menschliche Justiz fähig sein wird, dieses Rätsel zu lösen.