Müßte ich ein Pseudonym wählen, um meinem recht gewöhnlichen Namen einen Sinn zu geben, — ich würde mich Parricida nennen.
Ihre humanistische Schulbildung wird sogleich wissen, was die Römer unter dieser Vokabel verstanden, und Sie werden sich gewiß auch des weiteren erinnern, daß es Herzog Johannes mit dem Beinamen Parricida war, der seinen Vater, den deutschen Kaiser Albrecht, auf einem Spazierritt vom Leben zum Tode beförderte.
Ich sage das nur, um zu beweisen, daß jene Zeitung Ihrer Hauptstadt (Morgenpost, deutsches Tagblatt, gegr. 1848, vom 4. Juli 1914) unrecht hat, wenn sie in ihrem Feuilleton behauptet, der Vatermord wäre ein Privileg der unteren Gesellschaftsschichten.
Er kommt, wie jene allerdings vor grauen Jahren begangene Tat zeigt, in den besten Kreisen vor.
Ich z. B. stamme aus einem alten Offiziersgeschlecht und habe dennoch meinen Vater zweimal getötet, wobei es das erstemal sogar recht blutig zuging.
Ich erwähne, mein verehrter Herr Staatsanwalt, den eigenen Fall nur, um in Ihnen ein tieferes Verständnis für einen anderen Fall zu wecken, den Sie gewiß amtlich zu bearbeiten haben werden, ich meine natürlich den Fall des Vatermörders August Kalender.
„Aber, mein lieber Herr Duschek,“ höre ich Sie sagen, „wie können Sie einem Juristen zumuten, diese beiden Fälle miteinander zu vergleichen, denn erstens, Ihr Herr Vater, seine Exzellenz, der Feldmarschall, lebt ja noch — — —“
Hier, mein werter Herr Doktor, muß ich Sie leider unterbrechen, denn theoretisch kommt es ja gar nicht darauf an, daß mein Vater lebt!
Ich sehe Sie ein wenig spöttisch lächeln und Sie belieben zu bemerken:
„Für einen Philosophen, Theologen oder sonst einen Kathedermenschen mag es vielleicht theoretisch wirklich gleichgültig sein, für den Juristen aber ist nur das reale Faktum gültig und vorhanden. Und dann! Ihr Herr Vater ist wohl dem alten Julius Kalender recht wenig vergleichbar. Wer hat den strammen, strengen, feschen Offizier vor Jahren in unserer Stadt nicht gekannt? Das war der richtige Marssohn, ein rauher Kriegsmann, Soldat von echtem Schrot und Korn, bei dem es keine Weichheiten und Nachgiebigkeiten gab. Der Sohn eines solch schneidigen, geraden Mannes ist gewiß nicht auf Daunen gebettet; er muß etwas leisten, empfängt mehr Scheltworte als Belobungen, und da wir Juristen ja Seelenkenner und erfahrene Psychologen sind, können wir die Meinung gelten lassen, daß durch solche, vielleicht allzu straffe Erziehung in einer jungen Seele Wunden, Brüchigkeiten, Schorfe entstehen, die später zu Haß, Feindschaft und bösen Taten führen mögen.