Konrad war unter vielen Entbehrungen herangewachsen. Er hatte sein Brod mit Thränen essen müssen. Trotzdem sah man ihn immer zufriedenen Sinnes.

Seine Eltern waren höchst brave Leute. Im Schweiße ihres Angesichts aßen sie ihr Brod. Sie arbeiteten fleißig. Sie sparten auch nach Kräften. Vergeblich doch strebten sie nach Verbesserung ihrer bedrängten Lage. Sie vermochten bei allem Entsagen keinen Vorsprung zu gewinnen. Und warum das? Weil die Lebensmittel unerhört im Preise stiegen. Ebenso gingen die Preise aller anderen Lebensbedürfnisse in die Höhe. Fast kein Quartal ging ohne Steigerung des Miethzinses vorüber.

Konrad stand seinem Vater in der Arbeit treulich zur Seite. Er wollte sein täglich Brod nicht umsonst essen. Und so war es auch recht. Gerade so sollten alle ärmeren Kinder thun.

Konrad’s Vater war ein außerordentlich kräftiger Mann. Noch nie hatte er sich krank gefühlt. Er lebte deshalb in Hoffnung auf ein hohes Alter. Der liebe Gott indeß wollte es anders.

Mit neugestärkten Kräften ging der rüstige Mann eines Morgens in den Wald. Wie ein Riese schritt er unter den Tannen dahin. Frohen Muthes setzte er bald darauf einem mächtigen Baume die Axt an die Wurzel. Lustig hallten die kräftigen Axtschläge den Wald entlang.

Mehrere Stunden mochte der Brave bereits angestrengt gearbeitet haben. Da überkam ihn urplötzlich ein eigenthümlicher Schwindel. Er legte schleunigst die Axt aus der Hand. Einige Minuten suchte er sich nach Kräften noch zu halten. Darauf aber schwand ihm allmälig die Besinnung. Er stürzte unter einem tiefen Seufzer zu Boden. Nach einer Viertelstunde lag er als Leiche da.

Aufs tiefste erschüttert trugen ihn die andern Waldarbeiter heim. Konrad vermochte das Unglück augenblicklich kaum zu fassen. Stieren Blickes blieb er eine geraume Zeit vor der Leiche stehen. Dann aber warf er sich mit einem Aufschrei der Verzweiflung über sie hin. Unter heißen Thränen küßte er die kalten Lippen. Nur mit Mühe vermochte man ihn von dem geliebten Todten zu entfernen.

Verhältnißmäßig gefaßter zeigte sich Konrad am Begräbnißtage. Ohne lautes Wehklagen folgte er dem Sarge. In stiller Ergebung blickte er in das offene Grab hinab. Festen Glaubens schaute er dann zum Himmel empor. Nach frommer Weise betete er schließlich für den Geschiedenen ein stilles Vaterunser.

So war jetzt Konrad unerwartet vaterlos geworden. Wie ein Blitz aus heiterem Himmel hatte ihn das Geschick ereilt. Aber er verlor nicht kleinmüthig die Hoffnung. Mit Gott auf eigenen Füßen! Also lautete von jetzt an sein Wahlspruch. Und Gott der Herr führte ihn wohl.

127. Ein Stier.