15. Der Frühling.
(Abstrakte Eigenschaftswörter.)
Fröhlich ist das Herz, wenn der liebliche Frühling naht! Der Winter war kalt und rauh, jetzt wird die Luft lau und angenehm, zuweilen gar schon warm. Im Winter war es still und öde auf den Fluren; die Wälder erschienen todt, die Bächlein erstarrt. Jetzt werden die Haine lebendig, die Bächlein wieder wach und munter. Die Felder lagen kahl, jetzt sehen wir sie grün. Die Wiesen stehen geschmückt, wie mit einem bunten Blumenteppiche. Die eine Blume sieht roth, die andere weiß, die dritte gelb oder blau aus. Die Vögel zeigen sich eifrig im Gesange und emsig im Bau ihrer Nester. Wie ist der Schlag des Finken so lustig, das Lied der Nachtigall so süß, der Morgenpsalm des Staares so erhebend! Ein Herz, das fromm und rein, stimmt mit ein in die Lobgesänge und preist den allmächtigen Schöpfer, der im Frühlinge recht deutlich zeigt, wie weise und gütig er ist.
16. Der Geizhals.
(Zusammengesetzte Eigenschaftswörter.)
Andreas war ein steinreicher Bauer, aber dabei erzgeizig. Für ihn gab es in der wunderreichen Gotteswelt kein zaubervolleres Bild, als ein blitzblanker Thaler. Hielt er ein solches Geldstück in der sonnverbrannten, hufbesetzten Hand, erschien sein Auge überglücklich, ja glückselig. An ein Wiederausgeben eines solch werthvollen Kopfstückes war bei ihm nicht zu denken. Es wanderte in einen alten, aschgrauen, baumwollenen Strumpf, der im fast heckerklaren Strohe seines baufälligen Bettes stak. War ein solcher Strumpf gefüllt, versenkte er ihn in einen eisenbeschlagenen, diebesfest sein sollenden Koffer, vor dem ein riesenhaftes Schloß lag. Dieser centnerschwere Koffer stand unter seiner armseligen Lagerstatt. Ein doppelläufiges, scharfgeladenes Gewehr bildete seine Sicherheitswache, sowohl am sonnenhellen Tage, wie in tiefdunkler, grabesstiller Nacht.
Kein hilfsbedürftiger Freund erhielt von dem Geizhalse auch nur die allerkleinste Unterstützung. Keinem Wanderburschen, und war er noch so blutarm, reichte er einen Zehrpfennig. Das bleichwangige Bettelkind, das kleinlaut an seine dickeichene Thür klopfte, rührte nicht im mindesten sein liebeleeres Herz.
Er selbst führte ein wahrhaft jammervolles Leben. Sein Mittagsessen bestand meist in graubraunem, fast steinharten Brode und dickschaligen Kartoffeln, die er in wasserdünnen Schmalz tauchte. Ein Stück wohlschmeckendes Fleisch war ihm zu theuer. Nie kam ein Glas wenn auch nur dünngebrautes Bier oder gar ein Glas magenstärkender Wein auf seinen Tisch. Thür und Thor seines alterthümlichen Gehöftes schloß er regelmäßig mit Sonnenuntergang zu und ließ dann den alten, graubärtigen Kettenhund los.
Von jetzt an durfte kein Mensch mehr eingelassen werden. Aus übergroßer Besorgniß fürchtete er, es könne sich ein langfingeriger Fremdling einschleichen und seinem herzinniglieben Hausgotte mit den erzgespickten Strümpfen einen unliebsamen Besuch abstatten.
Trotz aller wohlberechneten Vorsicht aber hatte sich in einer rabenschwarzen Nacht doch Einer eingefunden, der kaltblütig und erbarmungslos den bedauernswerthen Geizhals von all seinen mühselig errungenen Schätzen trennte. Dieser Unbarmherzige war der — unerbittliche Tod.