Dieses Aussaugen der Wunde, das er mit allem Eifer betrieb, setzte er wol eine halbe Stunde fort. Darauf hielt er den Fuß, der nicht weiter angeschwollen zu sein schien, in den nahen Waldbach.
Jetzt erst ging der Knabe, der sich indeß ziemlich ermattet fühlte, nach Hause. Die Eltern, welche über das Geschehene in große Aufregung versetzt wurden, riefen sofort einen Arzt herbei. Der betreffende Arzt, der in seiner Kunst wohl erfahren war, erklärte alle Gefahr für beseitigt.
Der Knabe, dessen Geistesgegenwart man allgemein bewunderte, hatte sich selbst von den schrecklichen Folgen eines Otternbisses gerettet.
62. Flora.
(Die Beifügesätze umschreiben ein Eigenschaftswort.)
Flora, welche sehr strebsam war, liebte besonders die Musik. Ihr Ohr, das für die Harmonien sehr viel Empfänglichkeit besaß, lauschte jedem Tone. Kein Genuß ging ihr über das Anhören eines Concertes, das sich einer guten Ausführung erfreute.
Flora besaß einen musikalischen Nachahmungstrieb, der oft Staunen erregte. Melodien, die zum Gemüthe sprachen, spielte sie sofort auf dem Piano nach. Arien, die einen gediegenen Charakter offenbarten, sang sie mit Leichtigkeit nach dem Gehör.
Dieses Talent Flora’s bemerkte ihr Onkel, der ein reicher Mann war. Er ließ ihr sofort musikalischen Unterricht ertheilen, wie er besser wol kaum gefunden werden konnte. Durch seine Verwendung genoß sie überhaupt eine musikalische Ausbildung, die nach jeder Richtung hin ausgezeichnet genannt werden mußte.
Flora machte in kurzer Zeit Fortschritte, die abermals der Bewunderung werth waren. Schon nach zwei Jahren trat sie in dem Theater, welches das größte der Stadt war, als Sängerin auf. Ihr Gesang, dessen Reinheit nichts zu wünschen übrig ließ, fand außerordentlichen Beifall.
Flora, die bei aller Auszeichnung ihre Bescheidenheit bewahrte, ward eine berühmte Sängerin. So hatte jener Onkel, der bei allem Reichthum ein gutes Herz besaß, ihr Glück begründet.