„Was fehlt Euch?“ fragte theilnehmenden Herzens der Wanderbursch. Mit stummer Handbewegung deutete die Mutter auf das Krankenlager. „O weh!“ versetzte der Wanderbursch, als er den Knaben mit schon halbgebrochenem Auge und erdfahlem Antlitze erblickte. „Wie und womit behandelt ihn der Arzt?“ — „Der Arzt?“ erwiderte die Mutter mit bewegter Stimme. „Womit sollten wir armen Leute einen Arzt bezahlen können?“ — „O“, versetzte der Wanderbursch mit tröstlichem Tone, „Ihr habt einen sehr billigen Arzt und eine noch billigere Apotheke in nächster Nähe. Es ist der Brunnen dort im Hofe. Keine bessere Arznei für Euer Kind als frisches Wasser. In ihm liegt wunderbare Heilkraft. Mein seliger Onkel war Arzt, daher weiß ich es. Nehmt also frisches Wasser, reicht es dem Kranken als kühlen Trank, veranstaltet kalte Abreibungen, dann schlagt ihn in kaltfeuchte Tücher ein und wickelt ihn darauf in warme Decken. Es wird hierauf sehr bald heftiges Schwitzen erfolgen. Nach Verlauf von zwei solch heißen Stunden wascht Ihr den Körper mit lauem Wasser ab und wiederholt diese Behandlung täglich vor- und nachmittags. Gewiß wird sich der Kranke bald ruhiger Nächte, gesegneten Schlafes und überhaupt sichtlicher Besserung erfreuen.“

Aufmerksamen Ohres hatte die Mutter zugehört. „O, wärest Du uns als rettender Engel gesandt“, sagte sie zu dem Wanderburschen, „dankbaren Herzens würden wir ewig Dein gedenken! Was Du gerathen hast, werde ich befolgen, noch heutigen Tages. Schütze Dich Gottes gnädige Hand auf fernerer Wanderung!“

Einige Monate später war Julius genesen. Mit dicken Backen und kräftigem Fuße schritt er wieder einher. Des Wassers wunderbarer Kraft dankte er das Glück neuer, dauernder Gesundheit.

21. Ehrlichkeit.

(Wiederholung der Eigenschaftswörter.)

Ein armer Köhlerknabe saß unter einer hohen Tanne, deren schwarzgrüne Aeste weit umher das frische Moos beschatteten. Aus den dunklen Augen des blassen Knaben rannen helle Thränen.

Da kam ein alter Herr den holprigen Waldweg daher. Er trug eine grüne Uniform und einen kurzen Hirschfänger an der Seite. Sein faltiges, aber noch frisches Gesicht umgrenzte ein schneeweißer Backenbart. Der jugendliche Alte war der bejahrte Oberförster.

„Warum weinest Du?“ fragte der freundliche Alte mit liebevoller Stimme den fremden Knaben.

„Ach“, erwiderte dieser mit kläglichem Tone, „meine gute Mutter liegt krank darnieder. Ihre Augen sind fast blind. Deshalb soll ich in die nahe Stadt gehen und eine heilsame Salbe für die schwachen Augen holen. Ich aber habe das Geld dazu sammt einem ledernen Beutel verloren.“

„Ist es etwa dieser?“ sagte der graubärtige Herr, indem er ein kleines Beutelchen aus der gestickten Jagdtasche zog.