Der Sargdeckel mit kupfernen Handhaben und zinnernen Verzierungen wurde jetzt noch einmal abgehoben. Da lag nun der Todte, bleich und regungslos, in der starren Hand einen frischgrünen Palmenzweig. Ein seidenes Gewand umhüllte den todten Leib. Ein damastenes Käppchen begrenzte die gefurchte Stirn.
Die Angehörigen standen um den Sarg her, aber nicht in der üblichen Trauerkleidung. Der Entschlafene hatte schriftlich die Bitte hinterlassen, daß man um seinetwillen nicht die tiefschwarzen Gewänder anlegen solle.
Jetzt trat der greise Geistliche herzu, die Weinenden zu trösten. „Unzählbar“, sagte er unter Anderem, „wie die Sterne des nächtlichen Himmels, sind die seligen Wohnungen, die der allmächtige Himmelsvater den erblichenen Erdenpilgern dort oben bereitet hat. Mag auch der irdische Leib zerfallen, mag der unüberwindliche Tod den Lebensfaden zerreißen, wir weinen nicht trostlos. Wir sind nicht blind für den auferstandenen Heiland, nicht taub für seine ewig wahren Verheißungen, sondern blicken glaubensvoll hinauf in das unvergängliche Reich, da es ein Wiedersehen gibt. Auch dieser Entschlummerte wird einst wieder wach und verklärt eingehen zur endlosen Himmelswonne.“
Die Sonne stand mit ihrer purpurnen Scheibe schon halb hinter den fernen, blauen Bergen, als der Sarg in die stockfinstere Gruft hinabgesenkt wurde. Noch ein lautloses Gebet, eine Hand voll Erde auf den Sarg und die Begräbnißfeierlichkeit war beendet.
20. Die beste Apotheke.
(Declination des Eigenschaftswortes ohne Artikel.)
Julius, der Sohn armer Eltern, war lange krank. Feuchtes Stroh diente ihm als Lager. Alte Röcke und zerfetzte Tücher waren seine Decke. Keine heilende Arznei und kein stärkender Thee konnte ihm gereicht werden, lebten doch seine Eltern in großer Armuth, in schrecklichem Elende. Mit bangen Sorgen erwachten sie des Morgens, unter schwerem Kummer gingen sie des Abends zur Ruhe. Mit beklommenem Herzen vernahm die Mutter oft in dunkler Nacht das leise Wimmern des ruhelosen Kranken. Er litt besonders an heftigen Kopfschmerzen, an krampfhaftem Zucken in den Gliedern und an fieberhaftem Frösteln.
Vier lange Wochen waren bereits dem Kranken unter unsäglichen Schmerzen vergangen. Mit abgezehrten, todtenblassen Wangen, trüben, hohlen Augen und mageren Gliedern lag er da als ein Bild gräßlichen Elends.
„Barmherziger Gott!“ flehte die Mutter oft in stillem, inbrünstigen Gebete, „schicke doch meinem Kinde einen gnädigen Retter oder, wenn es Dein unerforschlicher Rath ist, einen endlichen Erlöser!“
Eines Tages klopfte ein Wanderbursch an die Thür und bat um ein Stück Brod. Trüben Auges reichte ihm die Mutter eine kleine Gabe.