Gegen Ende des zehnten Jahrhunderts lebte ein berüchtigter Kirchenfürst, mit Namen Hatto. Nachdem er mehrere Jahre Abt zu Fulda gewesen war, wurde er zum Erzbischof von Mainz erhoben. Diese Stadt liegt bekanntlich da, wo sich der Main in den Rhein ergießt.

Wer jenem hohen Herrn untergeben sein mußte, konnte nicht ohne Furcht zu ihm aufblicken. Hatto war — man sollte dies von einem Bischofe kaum glauben — vom Geize besessen. Nehmen erschien ihm jederzeit angenehmer als das Geben. Daran, daß sein Herr und Heiland in Armuth dahinwandelte, wollte er sich wahrscheinlich ganz absichtlich nicht erinnern.

Da ihn nun die Habsucht gefangen genommen hatte, kannte sein Herz natürlich kein Mitleid. Ohne daß es ihn rührte, konnte er an den Hilfsbedürftigsten vorübergehen. Die Geschichte berichtet sogar, daß er sich ganz unmenschliche Grausamkeit habe zu Schulden kommen lassen:

Als er schon lange Jahre Bischof zu Mainz war, entstand einmal eine furchtbare Hungersnoth. Die Rheingegend war es, wo das Uebel am ärgsten auftrat. Hunderte von Familien hatten nicht, womit sie auch nur eine Mahlzeit ihren Hunger stillen konnten. Von den entsetzlichsten Qualen langsam aufgerieben, erlagen eine große Anzahl Menschen endlich dem Tode.

Daß die Noth groß war, konnte dem Erzbischof nicht unbekannt bleiben. Wessen Herz freilich der schändlichste Eigennutz beherrscht, der mag fremdes Elend nicht sehen. So blieb Hatto angesichts alles Jammers, der er war.

Nachdem die Hungersnoth den höchsten Grad erreicht hatte, versammelten sich eines Tages mehrere Hundert Halbverhungerter vor der Burg des Erzbischofs. Obgleich man seine Härte kannte, wollte man doch einen Bittversuch wagen. Der Trieb, das Leben zu erhalten, läßt ja kein Mittel unbenutzt.

„Hab’ Erbarmen!“ flehte eine Anzahl solcher Unglücklichen zu den Burgfenstern hinauf. Und Andere riefen mit herzzerreißender Stimme: „Nur ein einziges Stück Brod laß uns werden.“

Obwohl nun Hatto’s Speicher überreich gefüllt waren, hatte er doch kein Ohr für das Hungergeschrei. Er äußerte sogar, das Volk da unten sei nur liederliches Gesindel.

Da nun aber die armen Menschen ihr Flehen fortsetzten, gerieth er endlich in Zorn. In diesem Zorne befahl er seinen Knechten, daß sie das lästige Bettelvolk in eine große Scheune sperren sollten. Die Knechte, weil es ihr Herr befohlen, führten die Schändlichkeit augenblicklich aus.

Was aber that Hatto, der Wütherich, nun? — Er ließ — fast sträubt sich die Feder vor diesem Berichte — die betreffende Scheune an allen vier Ecken anzünden. Ohne daß es ihn nur im geringsten rührte, sah er der auflodernden Flamme zu. Während des entsetzlichen Geschreies der Verbrennenden rief er sogar seiner Umgebung, teuflisch spottend, zu: „Hört Ihr das Piepen der Brodmäuse?“