Darauf sagte die Ameise, ohne indeß einen bitteren Ton anzunehmen: „Du hast gewußt, was nach dem Sommer folgt. Wer während des Sommers, der Zukunft uneingedenk, singt, mag im Winter tanzen.“

132. Eine Geburtstagsscene.

(Zusammengezogene, zusammengesetzte Sätze und Satzgefüge verbunden.)

Der dreizehnjährige Otto schenkte gestern mit freudestrahlendem Gesichte seinem lieben Vater zum fünfzigsten Geburtstage ein Paar goldene Knöpfchen von der neuesten Form und ein Rosenstöckchen mit acht lachenden Knospen; das kleine Lischen überbrachte dem guten Papa lächelnd eine große Torte aus Chocolade, sowie sechs reizende Liqueurgläschen aus geschliffenem Glase, und der zehnjährige Sigismund überreichte ihm fast mit gerührtem Herzen ein prachtvoll gebundenes Gebetbuch mit herrlichen Stahlstichen und sprach mit bewegter Stimme ein langes, ergreifendes Gedicht dazu.

Der Vater, welcher sichtlich gerührt war, dankte den Kindern, indem er jedem einen Kuß auf die Stirn drückte, aufs herzlichste, daß sie ihn heute in so sinniger Weise überrascht hätten; zu gleicher Zeit reichte er aber auch der Mutter, welche, ebenfalls Glück wünschend, hinter den Kindern stand, dankbar die Hand, weil er sie sich als die Veranstalterin der schönen Feier dachte, und zu dem Ende ordnete er noch an, daß heute, um auch den Kindern ein besonderes Vergnügen zu bereiten, ein Ausflug in die etwas entlegene Waldschenke, die in einem reizenden Buchenhaine lag und deshalb einen herrlichen Aufenthalt gewährte, unternommen werden solle.

Otto, ein großer Freund des Waldes, jubelte, als er dies hörte, hochauf vor Freude; Sigismund, der da meinte, es ginge noch dieselbe Stunde fort, eilte sogleich nach seiner Botanisirtrommel, die ihm, sobald er ins Freie ging, nie fehlen durfte, und Lischen hüpfte, um ihrer Freude Ausdruck zu geben, auf einem Beine in der Stube umher, sodaß die Mutter schließlich noch sagte, sie solle doch ihre Kräfte für die bevorstehende Partie sparen.

133. An Dich.

(Die Periode.)

Wenn Du die Sprachbilder, welche eigens für Dich, um Dich in Deiner Muttersprache zu unterrichten, geschrieben sind, mit rechter Aufmerksamkeit durchgearbeitet hast; wenn Dir die Regeln, welche darin veranschaulicht werden, recht zum Bewußtsein gekommen sind; wenn Du namentlich im Auflösen der einzelnen Sätze eine gehörige Fertigkeit, die allerdings nur durch Uebung erreicht wird, erlangtest; und wenn Du schließlich, ohne zu ermüden, im Nachbilden des Gegebenen recht fleißig warst: so wird und muß Dir jetzt Deine Muttersprache, dieses theure Eigenthum, wie ein herrlicher Baum vorkommen, an dem kein Blättchen umsonst gewachsen ist; so muß es Dir jetzt möglich sein, die bewundernswerthen Geisteserzeugnisse unserer Dichter, wie sie immer heißen mögen, genügend zu verstehen und infolge dessen muß Deine Achtung vor diesen großen Männern, die mit der Feder in der Hand Unsterbliches geschaffen haben, immer höher steigen.

Wer sich schon als Kind befleißigt, jedes Wort rein zu sprechen; wer es durch unermüdlichen Fleiß in der Schule dahin bringt, daß er seine Gedanken in wohlgeordneter Weise mündlich auszudrücken vermag; wer mit der Feder, diesem weltbewegenden Instrumente, in befriedigender Weise umgehen lernt: der legt für sein Fortkommen im Weltverkehre, der solche Kenntnisse und Fertigkeiten wohl zu schätzen weiß, einen guten Grund; dem können sich dadurch sogar Gelegenheiten bieten, vortheilhafte Lebensstellungen einzunehmen; dem wird man wenigstens immer mir einer gewissen Achtung, die ja viel Werth hat, begegnen.