Kaum waren zehn Jahre vergangen, hatte der Klöppelsack — so nennt man das Werkzeug, an dem geklöppelt wird — im ganzen Erzgebirge, wo damals viel Armuth herrschte, Eingang gefunden. Somit legte die brave Frau den Grund zu einem Erwerbszweige, der unzähligen Armen Brod gab und noch heute über 40000 Menschen, die zwischen der bairischen Grenze und Geising wohnen, beschäftigt.
Barbara Uttmann verdient deshalb auch, daß man ihr, um ihr Andenken in Ehren zu halten, auf dem Friedhofe zu Annaberg, welcher die Hospitalkirche umgibt, ein Denkmal gesetzt hat. Es ist aus weißem Marmor gearbeitet und stellt Barbara dar, wie sie vor ihrem Klöppelsacke, der ungemein kunstreich ausgeführt ist, sitzt und arbeitet.
Dieser schöne Grabstein, welcher von allen Fremden, die nach Annaberg kommen, aufgesucht wird, enthält die Inschrift: „Ein thätiger Geist, eine sinnige Hand, sie ziehen den Segen ins Vaterland.“
131. Grille und Ameise.
(Der Anführungssatz ist ein Satzgefüge.)
Eine Grille, welche den Sommer in Trägheit verlebt hatte, sprach zur nahenden Winterzeit zu ihrer Nachbarin, einer Ameise: „Borge mir ein wenig zu essen, damit ich nicht Hunger leiden muß.“
Ohne etwa augenblicklich vom Mitleid ergriffen zu werden, fragte die Ameise: „Hast du dir denn keine Speise für den Winter, den du doch kommen sahst, gesammelt?“
„Ich würde das gewiß gethan haben“, erwiderte die Grille, indem sie einen etwas schnippischen Ton annahm, „wenn ich nur Zeit dazu gehabt hätte.“
„Womit hast du denn die Sommertage, die doch sehr lang und für alle zur Arbeit bestimmt sind, verbracht?“ fragte, nicht ohne Verwunderung, die Ameise.
Der Grille Antwort, die etwas zögernd erfolgte, war: „Du weißt doch, daß ich den Sommer über emsig gespielt und gesungen habe!“