Wo aber sind nun jene Lesestücke, an denen die wichtigsten Sprachregeln entwickelt werden sollen, herzunehmen? — Natürlich nirgends andersher, als aus den Lesebüchern, welche die Schüler in den Händen haben.
Die allermeisten dieser Lesestücke, wie wir sie in den bekannten zahlreichen Lesebüchern für Volksschulen finden, sind recht gut, viele musterhaft und wahre Meisterstücke des Sprachbaues; keins von allen aber wurde wol in der Absicht und zu dem Zwecke geschrieben, bestimmte Sprachregeln und Sprachgesetze darin zu veranschaulichen. Sie alle wurden des Stoffes und höchstens der Darstellungsformen (Schilderung, Beschreibung, Erzählung etc.) halber geschaffen.
Dieser Umstand aber wird für den Sprachlehrer zu einer Calamität und diese habe ich selbst eine Reihe von Jahren hindurch oft recht bitter empfunden. Wie so? — Nun ja, der Sprachlehrer will z. B. die verschiedenen Arten der Haupt-, Für- oder Zahlwörter, oder die Steigerung der Eigenschaftswörter, oder deren Stellung zum Hauptworte, oder die Bedeutung und Stellung der Umstandswörter, oder die verschiedenen Arten und Naturen der Verhältniß- und Zahlwörter, oder die mannichfachen Ergänzungen etc. etc. zur Anschauung und zur Besprechung bringen; wo aber findet er nun ein Lesestück, das für den vorliegenden Fall so recht geeignet ist, das die betreffende Wortgattung, die betreffende Regel möglichst allseitig repräsentirt?
Als ganz nebensächlich sei hier noch bemerkt, in welche Verlegenheit man in dieser Hinsicht gerathen kann, wenn es, beispielsweise bei einer öffentlichen Schulprüfung, einmal heißt: „Behandeln Sie die Umstände des Orts (oder die Verhältnißwörter, welche den dritten Fall bedingen, oder die Zahlwörter) auf Grund eines Lesestückes.“ Obgleich sich nun jeder nur einigermaßen gewandte Sprachlehrer auch in diesem Falle zu helfen wissen und einem Fiasco entgehen wird, ist doch immerhin dabei Holland mehr oder weniger in Nöthen, da sich eben ein für diesen Fall geeignetes Lesestück schwer oder gar nicht auffinden läßt. Doch das eben nur nebenbei.
Diesem Mangel an geeigneten Lesestücken speciell für den Unterricht in der deutschen Sprache wollte ich nun mit dem gegenwärtigen Büchlein abhelfen. Alle Stoffe und Materialien darin sind in allererster Linie eigens für den Sprachunterricht bearbeitet. Jeder einzelne Artikel darin ist für einen bestimmten Sprachunterrichtszweck, für eine ganz bestimmte Sprachregel geschrieben, wie die verschiedenen Ueberschriften des Näheren lehren. Das Ganze ist also durchaus kein Sammelwerk, sondern besteht aus lauter Originalartikeln. Ein Blick hinein wird Dir sagen, daß sowohl für die Wörterklassen als auch für den einfachen Satz des Stoffes hinreichend vorhanden ist. Und wieder ein Blick in die einzelnen Artikel wird Dich überzeugen, wie dieselben die betreffende Regel möglichst allseitig und erschöpfend veranschaulichen. Haben Lehrer und Schüler dieses Buch in der Hand, denke ich mir den Sprachunterricht für beide Theile als eine Lust!
Aber mit diesem Buche wollte ich auch noch einen andern Zweck erreichen. Für das Bedürfniß der Volksschule erscheint es mir geboten, den Schülern recht, recht anschaulich zu machen, wie sich ein Satz aufbauen und erweitern läßt und wie jedes neu hinzutretende Satzglied dem „Gedanken“ einen weiteren oder, nach Umständen, einen engeren Spielraum anweist. Ich bin daher in der Classification meiner Sprachstoffe für die Behandlung des einfachen Satzes vom allereinfachsten Satze ausgegangen, habe Schritt für Schritt eine neue, nähere Bestimmung hinzutreten lassen und so das Satzgebäude nach und nach bis an die möglichsten Grenzen erweitert. Diese ganze Art und Weise ist der Arbeit eines Maurers zu vergleichen, der eben auch einen Stein und ein Steinchen nach dem andern an- und beisetzt, bis endlich der Bau vollendet dasteht.
Wenn irgend in einem Unterrichtsfache der Volksschule, müssen wir vor allen Dingen im Sprachunterrichte dem alten Urgesetze alles Unterrichts „vom Einfachen zum Zusammengesetzten“ treu bleiben, unbekümmert um all die gelehrten und gekünstelten Unterrichtssysteme, welche „studirte“ Sprachforscher oder pädagogische Methodenjäger aufgestellt haben. Wir haben einmal gar keine Zeit und dann auch gar kein Publikum dazu, um uns auf die feineren Beziehungen und Deutungen in Bezug auf das reiche Material unseres Sprachschatzes einlassen zu können. Unsern guten Volksschulkindern haben wir vor allen Dingen einfache, aber feste und bestimmte Sprachgesetze zu geben. Das „Höhere“ und das „Tiefere“ ist Sache derjenigen Lehranstalten, welche über das Elementarschulwesen hinausliegen. O und wir haben vollauf, übervollauf zu thun, um unsere Volksschulkinder — und zu ihnen rechne ich getrost auch die Schüler der sogenannten höheren Bürger- und Privatschulen — in diese blosen Grundelemente der Sprache einzuführen. Wer diese Wahrheit vergißt oder bestreitet und meint, man könne die Kinder auch als Kinder schon in die „Kunst“ der Sprache einweihen, der kommt mir vor wie ein Maler, der einem schlichten Landmanne das Verständniß der Schönheit der Sixtinischen Madonna beibringen wollte.
Das Hinausgehen über die Marksteine, die uns die Kindesnatur setzt, wird in dem Sprachunterrichte zu einem Würgen und Quälen für Schüler und Lehrer, was sich recht deutlich in den Stilübungen zeigt. Bei diesen Arbeiten, will mich bedünken, wird überhaupt am allermeisten gesündigt. Was wird da nicht selten schon von einem zehn-, zwölf-, dreizehn-, vierzehnjährigen Knaben oder Mädchen verlangt! Aufsätze von sechs, acht Seiten und noch länger. Und was für Themen oft! Themen, deren Bearbeitung vielleicht dem Herrn Lehrer selbst, der doch erstens die deutsche Sprache bereits zwanzig oder dreißig und mehr Jahre gesprochen und geübt hat, während beispielsweise das dreizehnjährige Kind dieselbe kaum erst sieben Jahre mit Bewußtsein spricht; der zweitens ein oder so und so viel Jahrzehnte älter und darum viel, viel verstandesreifer ist als das Kind; der drittens an Anschauungen und Erfahrungen dem Kinde weit, weit überlegen sein muß; der viertens vier bis sechs Jahre eine höhere oder wol gar hohe Schule besucht; der fünftens im Laufe der Jahre so und so viel Zeitungen, Broschüren, Bücher und Werke gelesen und aus ihnen Stoff gesammelt hat — einiges Kopfzerbrechen gemacht hat. Die Hand aufs Herz, liebe Freunde!
Oder sollte Euch noch kein Lehrplan, namentlich der sogenannten höheren Bürger- oder Privatschulen, vorgekommen sein, der das Sprachziel (Grammatik und Stil) dermaßen hinaufschraubt, als ob auf den Schulbänken Seminaristen oder gar Studenten säßen?
Wie viel würde für die praktische sprachliche Ausbildung unserer Volksschüler gewonnen werden, wenn man dieselbe Kraft und Mühe, die man an die Erreichung jener überschwänglichen Ziele setzt, auf das wirklich Erreichbare verwendete!