Liebe Susanne!

Erst neulich hast Du mir versprochen, daß Du mich nächstens besuchen wollest. Heute aber sind nun schon fünf Tage vergangen und immer noch erwarte ich Deine Ankunft vergeblich. Viertelstundenlang habe ich gestern und auch heute früh nach Dir ausgeschaut, aber wer nicht kam, war meine liebe Susanne.

Da Du nun stets Wort gehalten hast, fange ich bereits an, zu fürchten, daß Du unwohl geworden sein könnest. Sei doch so gut und schreibe mir sofort, ob Du krank bist, oder was Dich sonst gestern und vorgestern und noch früher von Deinem Besuche abgehalten hat. Wenn Du Dich sogleich hinsetzest — und wäre es auch abends noch — und mir antwortest, kann Dein lieber Brief spätestens morgen zehn Uhr in meinen Händen sein.

Jetzt laß Dir nun noch in aller Eile erzählen, was sich, seit wir uns das letzte Mal trafen, zugetragen.

Denke Dir nur, Nachbars Lenchen, die sonst immer so gesund aussah, liegt schon seit vorvorgestern hart darnieder. Sie klagt fortwährend über Kopfschmerzen und fiebert unaufhörlich. Erst seit heute hat sich etwas Schlaf eingestellt. Die Eltern haben natürlich sehr bald einen Arzt gerufen. Dieser hat die Kranke augenblicklich untersucht und verordnet, daß sie täglich zwei Stunden ununterbrochen schwitzen muß. Leider aber hat er auch gleich sagen müssen, daß der Krankheitszustand nicht blos noch tage-, sondern noch wochenlang anhalten könne.

Das arme Lenchen! Weißt Du noch, wie wir unlängst zusammen in der Laube saßen und spielten? Damals ahnte sie noch nicht, daß sie gegenwärtig werde das Bett hüten müssen. Möge ihr der liebe Gott recht bald die verlorene Gesundheit wiederschenken!

In der Hoffnung, umgehende Antwort von Dir zu erhalten begrüßt Dich aufs herzlichste

Deine
Dir ewig getreue
Natalie.

57. Der tolle Reiter.

(Umstandswörter der Zeit.)