Vor diesem Bache blieb der Großvater plötzlich stehen. „Sieh Dir dieses Wässerchen einmal recht genau an“, sagte er hierauf bedächtig zu seinem Enkel. „Es redet gar ernst zu Dir! Es predigt Dir nachdrücklich eine wichtige Lehre.“

Der Knabe sah dem Wellenspiele eine Weile unverwandt zu und sagte dann wie verwundert: „Was meinst Du damit, Großpapa?“

„Sieh, mein Kind“, erwiderte dieser feierlich, „wie diese Wellen schnell dahinfließen, so rastlos flieht die Zeit, so eilig geht unser Leben dahin. Ist es doch, als treibe ein Tropfen den andern. Ebenso drängt mächtig eine Stunde die andere. Umsonst suchst Du hier ein Tröpfchen, das noch einmal umkehre. Vergebens flehst Du eine Stunde Deines Lebens zurück. Stracks eilt hier jeder Tropfen dem großen Oceane zu. Gerade so eilen unsere Tage in das Meer der Ewigkeit.

Ob wir fromm und weise leben, oder anders: unser Weg geht schnurgerade nach dem Grabe. Tausende kommen unerwartet dort an und blicken dann oft reuevoll auf ihre Vergangenheit zurück. Darum hüte Dich fein, mein lieber Sohn, daß es Dir nicht auch einmal also ergehe.“

59. Der Geizhals.

(Umstandswörter der Stärke.)

Der Bauer Murmel war überaus geizig. Er aß sich kaum satt. Er trank nie ein Glas Bier, wie andere Bauern, sondern nur Wasser. Ein Rock mußte bei ihm mindestens zwanzig Jahre halten. Er arbeitete von früh bis abends fast ununterbrochen. Dabei strengte er sich oft dermaßen an, daß er plötzlich entkräftet zusammensank.

Höchst selten schlief er länger als vier Stunden. Sehr oft sah man ihn sogar noch vor Sonnenaufgang wieder auf dem Felde arbeiten. Des Sonntags an eine kleine Erholung zu denken, davon war er weit entfernt. Er sah es sogar nie gern, wenn ihn an diesem Tage irgend ein Freund besuchte. In die Kirche ging er gar nie. Das kostete ihn zu viel Zeit. Von ihm auch nur eine kleine milde Gabe zu erlangen, hielt außerordentlich schwer. Selbst die gesetzlichen Steuern zu zahlen, wurde ihm unsäglich sauer.

Seine Dienstboten hatten es unerhört schlecht bei ihm. Ihre Kost war unbeschreiblich mager und kärglich. Und dabei nun Lust und Liebe zur Arbeit zu zeigen, war doch am Ende zu viel verlangt. Uebrigens behandelte er sie beinahe wie Sklaven. Kein Wunder daher, daß er wenigstens alle Vierteljahre neue Leute hatte.

Auf diese Weise scharrte Murmel freilich schrecklich viel Geld zusammen. Die ärmeren Leute des Ortes hielten ihn sogar für unmenschlich reich. Was aber half ihm all sein Reichthum? Der Tod klopfte doch eines Tages unerbittlich auch an seine Thür. Daß aber der Geizhals nun von seinen Schätzen Abschied nehmen sollte, machte ihm die Sterbestunde ungeheuer schwer. Er kämpfte entsetzlich. Der Tod aber schloß ihm endlich erbarmungslos die Augen und bald darauf theilten sich seine Erben höchlichst vergnügt in seine Güter.