Sein Vater indessen dachte anders. „Gut essen und trinken“, sagte er, „ist viel werth, nichtsdestoweniger möchte ich dabei in einem Kerker stecken. Fesseln und schmale Kost drücken den Verbrecher sehr, der Verlust der Freiheit dagegen drückt ihn am empfindlichsten.“
Der Frühling schritt inzwischen immer tiefer in das Land, Hermann jedoch machte keine Anstalt, seinem Gefangenen den Kerker zu öffnen. Er fürchtete auch keineswegs den Unwillen seines Vaters, sondern glaubte, derselbe wolle jetzt selbst, daß das Vöglein im Käfige bleiben solle. Wie sehr aber erschrak er, als er denselben eines Tages leer fand. Hermann weinte, das Vöglein indessen jubelte bereits längst draußen im Walde ob der neugeschenkten goldenen Freiheit.
70. Amerika.
(Begründende Bindewörter.)
„Warum wandern denn eigentlich so viele Menschen nach Amerika aus?“ fragte Ludwig seinen Vater.
„Ganz einfach“, erwiderte dieser, „weil Viele glauben, dort ihr Glück zu machen. Viele täuschen sich freilich auch, denn es ist nicht alles Gold, was glänzt. Amerika bezahlt zum Beispiel die Arbeit weit besser als Deutschland, deshalb aber wird noch lange nicht jeder Arbeiter reich. Er muß dafür auch seinen Lebensunterhalt theuer erkaufen, und sonach gleichen sich Einnahme und Ausgabe wieder aus. Amerika gestattet dem Volke in mancher Hinsicht mehr Freiheit als Europa, daher aber erlauben sich dort auch Einzelne aus dem Volke manche Gewaltthaten. Amerika ist der Zufluchtsort von unzähligen Taugenichtsen, Betrügern und Dieben, deswegen kommen dort verhältnißmäßig mehr Verbrecher vor, als bei uns. Amerika besitzt unermeßliche Ländereien, demnach ist für wenig Geld ein bedeutender Grundbesitz zu erwerben. Diese Länderstrecken aber sind mit Urwald bedeckt und müssen mithin erst urbar gemacht werden. Dergleichen Arbeit ist indeß äußerst mühsam und anstrengend und darum verlieren Viele die Lust, lassen die Hände sinken und gerathen somit in Noth und Elend.
Es sei damit nicht gesagt, lieber Ludwig, daß in der neuen Welt Niemand auf einen grünen Zweig kommen könne, denn eine große Zahl Eingewanderter hat ihr Glück gefunden. Falsch aber ist es, zu denken: Diese sind reich und glücklich geworden, folglich muß ich es auch werden und also gehe ich hinüber.“
„Du würdest sonach Niemandem rathen, nach Amerika auszuwandern?“ sagte Ludwig hierauf.
„Das habe ich deshalb noch nicht gesagt“, erwiderte der Vater. „Wer nach Amerika geht, muß arbeiten wollen, weil der Faule dort in der Regel zu Grunde geht. Folglich würde ich allerdings zu einem Arbeitsscheuen sagen: Bleibe Du hier, da Du den Schweiß des Angesichts nicht gut vertragen kannst. Ebenso würde ich zu einem, der hier in guten Verhältnissen lebt, sagen: Du hast, was Dein Herz wünscht, darum bleibe im Lande und nähre Dich redlich. Einem jungen Manne aber, der brav und strebsam ist, es aber hier zu nichts bringen kann, werde ich stets sagen: Gut, Du wirst drüben die Hände nicht müßig in den Schooß legen und somit vorwärts kommen, mithin gehe!
Verstehe mich also nicht falsch, lieber Ludwig. Ich meine durchaus nicht, weil Viele dort drüben ein trauriges Loos ziehen, daher dürfe Niemand mehr nach Amerika auswandern. Wohl aber bin ich, wie schon gesagt, gegen den Glauben, der da spricht: Hinz und Kunz sind da drüben Millionäre geworden, demnach kann mir es auch nicht fehlen.