Melchior war aber nicht blos fleißig und geschickt, sondern auch sparsam. Als er etwa vierzig Jahre zählte, kaufte er sich erstens ein kleines Haus, zweitens etwas Feld, drittens eine Ziege und endlich gar eine Kuh. Hierauf heirathete er ein sehr braves Mädchen aus seinem Orte, mit dem er alsdann seine kleine Oekonomie bewirthschaftete, ferner ein Gemüsegeschäft anlegte und auch noch nebenbei Federviehhandel trieb.
Ganz anders verhielt und zeigte sich sein Bruder Sebastian. Er dachte weder an das Sparen, noch an das Arbeiten. Er trieb sich tagediebisch umher, zudem liebte er das Kartenspiel und trank überdies oft über den Durst. Auch in Bezug auf die Ehrlichkeit wollte ihm Niemand so recht trauen.
Kein Wunder, daß Sebastian nicht nur alle Achtung verlor, sondern auch oft kein Brod hatte. Sowohl seine Nachbarn als auch sein Bruder warnten ihn. Außerdem bemühte sich sogar die Ortsgemeinde, ihn zu bessern. Man trug ihm zunächst lohnende Beschäftigung, sodann eine Hausknechtsstelle in einem Gasthofe an, ferner einen Posten auf dem Bahnhofe; schließlich wollte man ihm sogar Geld zu einem kleinen Kohlenhandel vorschießen. Sebastian mochte von alledem nichts wissen und nichts hören. Natürlich blieben die Folgen davon nicht aus. Bald versetzte er sein letztes Hemde, führte dann allerlei Betrügereien aus, vergriff sich hierauf an fremdem Eigenthume, trieb sich alsdann mit einer Zigeunerbande in den Wäldern umher und wurde endlich als Räuber eingefangen.
Er wurde verhört, alsdann verurtheilt und hierauf auf viele Jahre in einer Strafanstalt untergebracht. Schließlich, nach langen Jahren, klopfte er eines Tages an Melchior’s Thür als bettelnder Greis.
69. Die goldene Freiheit.
(Entgegenstellende Bindewörter.)
An einem Fenster hing ein großes, geräumiges Gebauer, in welchem ein Rothkelchen auf und nieder hüpfte. Es sang zwar fleißig, aber keineswegs so hell, wie einst draußen im grünen Walde. Es hatte das beste Futter, dennoch dachte es immer und immer an die fetten Würmchen draußen unter dem Moose. Es bekam jeden Tag zweimal frisches Wasser, gleichwohl konnte es die frischen, klaren Waldbächlein nicht vergessen. Wol grüßte die liebe Sonne freundlich zum Fenster herein, allein diese wohlthuenden Strahlen schienen das Rothkelchen nur immer noch düsterer zu stimmen.
Hermann bemerkte nur zu wohl die trübe Stimmung des Thierchens, doch ihn rührte es nicht. Zwar liebte er selbst die goldene Freiheit außerordentlich, gleichwohl konnte er sie hartherzig dem Rothkelchen versagen.
Als er im Herbste das Vöglein nach Hause brachte, hatte ihm sein Vater gesagt: „Gut, Du magst es den Winter über behalten, aber zum nächsten Frühjahre mußt Du es wieder fliegen lassen. Nun thue, was Du willst. Entweder sperre es gar nicht erst ein, oder versprich, ihm dann die Freiheit wieder zu schenken.“
Hermann hatte Letzteres zugesagt. Allein jetzt, als der Frühling da war, dachte er nicht mehr daran. Er kannte nicht nur kein Mitleid, sondern meinte sogar, das Thierchen könne es nirgends besser haben, als bei ihm. „Ein Vögelchen im Käfige zu halten“, sagte er einmal, „kann kein Unrecht sein, nur muß man es gut pflegen.“