Wie Du nun, lieber College, mein Werkchen finden wirst, weiß ich nicht. Nur um Eins bitte ich Dich: Fälle Dein Urtheil nicht auf Grund eines blos flüchtigen Einblicks. Nein, willst Du über das Büchlein zu Gericht sitzen, so kürze die Voruntersuchung nicht zu sehr ab. Sieh Dir es genau an, damit Dir ganz klar wird, was und wie ich es will. Thust Du das, so hege ich die Hoffnung, daß Du meine Arbeit praktisch erfinden und in dem Büchlein ein Unterrichtsmittel entdecken wirst, das dem Lehrer und dem Schüler die Arbeit bequem und leicht macht. Das aber — und daraus ist ja kein Hehl zu machen — ist bei allen meinen kleinen pädagogischen Schriften meine Hauptabsicht. Wäre sie auch bei dem gegenwärtigen Büchlein erreicht, würde ich mich freuen und Du würdest darob nicht böse sein.

Zu dem Ende aber will ich nun noch als Kritiker meiner selbst auftreten, um Dir die Mühe zu ersparen.

Nr. 1. „Der Stil ist in einzelnen wenigen Fällen nicht ganz fließend.“

Weiß wohl, und ich hätte diesen Umstand leicht umgehen können, wenn mir nicht in Bezug auf die Wahl der Worte und Redetheile die Hände gebunden gewesen wären und gebunden sein sollten. Bei so aus Gründen gefesselter Hand würde es vielleicht selbst einem „Meister von der Feder“ nicht möglich gewesen sein, einen ganz vollendeten Stil zu schaffen. Mit drei Farben läßt sich natürlich kein solches Gemälde erzeugen, wie es mit zehn Farben möglich wird.

Nr. 2. „Es ist in einigen allerdings nur seltenen Fällen die eiserne Consequenz zu vermissen.“

Weiß wohl, was damit gesagt sein soll. Es kommt nämlich in einzelnen Fällen vor, daß ich irgend ein Formwörtchen mit in Anwendung gebracht habe, was, streng genommen, noch nicht auftreten durfte. Ich mußte indeß zu diesem Mittel greifen, wenn der Stil nicht hart und eckig werden sollte. Dergleichen Nothfälle aber, die nur ganz vereinzelt zu finden sind, können ja im Unterrichte mit leichter Mühe ignorirt werden.

Nr. 3. „Die letzten Wiederholungsnummern der Sprachbilder erscheinen fast schwülstig.“

Weiß wohl! Sie sollen auch keineswegs Stilmuster sein, sondern nur zeigen, wie sehr der einfache Satz ausgedehnt und erweitert werden kann. Es sind diese Sprachbilder gewissermaßen Knochen, an denen sich die Geisteszähne der Schüler schärfen sollen. So verschlungen auch ein solcher Satz für den ersten Augenblick erscheint, ist er doch immerhin nur ein einfacher, und es ist nicht allzuschwer für den Schüler, nachdem er alles Vorhergegangene begriffen, das „Gerippe“ herauszuschälen und dasselbe nun selbst wieder mit dem gegebenen Fleische und Blute nach und nach zu bekleiden.

Der zweite Theil dieses Werkchens, welcher, so Gott will, nächste Ostern nachfolgen soll, wird den zusammengezogenen, den zusammengesetzten und den gefügten Satz in ähnlicher Weise behandeln, wie im ersten Theile der erweiterte einfache Satz behandelt wurde.

Hast Du dann, lieber College, wenn Deine Schüler vierzehn Jahre zählen, auch diesen zweiten Theil mit ihnen durchgearbeitet, kannst Du sie getrost aus der Volksschule entlassen. Sie haben dann jedenfalls einen guten Grund gelegt, selbst auch für den Fall, daß der eine oder der andere sich einen Beruf erwählte, welcher noch ein eigentliches Studium der deutschen Sprache erheischte.