In einem Winkel eines weitläufigen Kirchhofs lag ein Grab. Der Sand des leichtgewölbten Hügels war noch ziemlich frisch. Der Leichenstein am oberen Ende schien nur gestern erst gesetzt zu sein.
Dieses Grab im einsamen Winkel barg eine Mutter. Die Liebe ihres treuen Herzens hatte ihrem Leben frühzeitig ein Ziel gesetzt. Die Pflege eines kranken Kindes erschöpfte ihre Kräfte. Die Nächte ohne erquickenden Schlaf griffen ihre Nerven an. Endlich befiel auch sie das Fieber des leidenden Kindes. Die Kunst der geschicktesten Aerzte vermochten sie nicht zu retten. Die Schwäche ihres angegriffenen Körpers war zu weit vorgeschritten. Sie starb.
Die Genesung des kranken Kindes schritt kurz darauf vorwärts. Nach Wochen entsetzlicher Leiden konnte es endlich zum ersten Male ausgehen. Das Grab der geliebten Mutter war dabei sein Ziel. Die Dankbarkeit seines echtkindlichen Herzens trieb es dazu.
Eine Stunde lang saß das Kind mit den blassen Wangen am Hügel. Thränen unsäglichen Schmerzes rannen über dieselben herab. Seufzer über den unersetzlichen Verlust entstiegen der Kindesbrust. Ein Gebet herzinnigen Dankes für die Liebe der Entschlafenen bewegte die Lippen.
Die Strahlen der warmen Frühlingssonne grüßten freundlich den Hügel. Die Goldworte eines tröstenden Bibelspruches blitzten hell vom Leichensteine herüber. An ihnen richtete sich das Gemüth des wehklagenden Kindes sichtlich auf. Ein Lichtstrahl aus himmlischer Höhe schien damit in sein Gemüth zu dringen. Die Thränen um die theure Dahingeschiedene rannen spärlicher. Auf dem blassen Antlitze des Kindes lagerte sich der Friede der stillen Gottergebung. Jenes Wort der heiligen Schrift aber hieß: „Ich will euch wiedersehen und euer Herz soll sich freuen.“
84. Dämmerung.
(Zwei Doppelbeifügungen nach dem Subject.)
Ein Tag des schönen Frühlings im letztverflossenen Jahre ging zu Ende. Das Gewölk über den majestätischen Berggipfeln jenseits des sanftbewegten Sees erglänzte im Purpurgolde. Das Lied der gefiederten Sänger des frischgrünen Waldes verstummte. Dagegen erhoben nun die Quaker im dichten Schilfe der nahen Lache ihre Stimme.
Die Heerden der reichen Güter der umliegenden Ortschaften verließen die Weideplätze. Das Geläute der dumpfen Glocken hüpfender Rinder hallte melancholisch daher. Die Bebauer der fruchtbaren Felder am diesseitigen Seeufer zogen ebenfalls heimwärts.
Das Glöcklein der hölzernen Kapelle eines nachbarlichen Dorfes mahnte zum Abendgebete. Die Häupter der biederen Bebauer jener gottgesegneten Fluren entblößten sich. Das Gebet des lieben Heilandes Jesu Christi entstieg stumm ihren Herzen.