Was alles muß ein Mensch wissen, der vor Berlin keine Angst hat. Jachl ist gewiß kein Feigling. Wie ist er zu Haus allein hinter dem Bock hergerannt, als ihn die Wespen wild gemacht hatten! Und auch sonst scheute er keine Gefahr. Aber hier in Berlin muß man von ganz anderer Wissenschaft sein. Es kommt ihm vor, als ob sie alle zu stolz sind und Augen hinten und vorne haben. Viele Jahre mögen wohl dazu gehören, bis einer soviel Augen bekommt, daß er zwischen all dem Neumodischen nicht zu Schaden kommt. --
Wohl zehnmal hat Jachl seine Uhr hervorgezogen, um nachzusehen, ob er immer noch nicht weiterfahren kann.
Wenn er wenigstens das Haus wüßte, in dem Lieschen wohnt. Aber in dem letzten Brief hat sie ihm eine Straße aufgeschrieben, die kennt hier kein Mensch. »Berlin, postlagernd«. Die Leute lachen, so oft er fragt: »Bitte, wo komme ich nach der Straße postlagernd?« --
So entschließt sich Jachl ruhig vor dem Fleischerschaufenster auszuharren, bis es Zeit ist, abzufahren. Er beobachtet die Mädchen, die zum Einkauf das Geschäft betreten. Sauber sind sie alle. Das ist wahr! Man merkt gleich, keine hat mit Mist oder mit Melken zu tun. Die Augen gehen ihnen rundum. Jachl sieht nur nach dem Fleisch, das sie in ihren Körben haben, sie aber sehen ihm grad' ins Gesicht, so lange und so grade, daß ihm heiß wird. --
Schließlich vergeht aber auch in Berlin die Zeit, wenn sie Jachl auch viel, viel langsamer weitergekrochen ist, als zu Haus beim Schnuckenhüten. --
Wieder sitzt er im Zuge; diesmal hat er es rascher geschafft. Schon nach zwei Stunden muß er aussteigen.
Gott sei Dank! Ein bißchen mehr Himmel haben sie hier, wenn er sich auch nicht -- wie Jachl glaubt -- dem unabsehbar vielen über der weiten Heide vergleichen kann.
»Volksheilstätte« heißt Jachls Reiseziel. Ja, es gibt viele Völker, das weiß er von der Schule her. Ganz tief holt er Atem, dann spuckt er aus und reibt sich die Hände sauber, ehe er beim Pförtner die Glocke zieht.
Solcher Anmeldung bedurfte es nicht, wollte jemand ihn in seinem Schnuckenstall aufsuchen. -- Freundlich wird ihm der Weg ins Haus gewiesen. Er sieht fünf, sechs, nein, acht Häuser, nicht solche Riesen wie in Berlin. Das Eintreten wird ihm gar nicht schwer. Sein Mut kehrt zurück. Tapfer stellt er sich vor: Joachim, der Schäfer. --