Nahe am Heulen ist Jachl immer an den Besuchstagen. Zu fast jedem kommt einer. Vorher sehen sie immer nach der Tür, oder -- wenn sie in der Liegehalle sind, -- auf den Weg hinaus. Redet man mit ihnen, so passen sie nicht auf; sie denken: »Wer wird heute kommen? Onkel oder Tante, Vater oder Mutter, Bruder oder Schwester?« Jachl hat von diesen allen keinen. Bloß Lieschen, und die ist in dem Jahr nicht ein einziges Mal gekommen. »Es geht wirklich nicht! Ein Dienstmädchen kann nicht wie es will; es muß wie die Herrschaft will,« entschuldigt sie Jachl. Er weiß längst, daß es mit der Straße »Postlagernd« unklug war. Gern setzte er sich für zwei Stunden auf die Bahn und besuchte Lieschen in der Lothringer Straße. Berlin ist ihm aber streng verboten, und gehorchen muß einer in einer Volksheilstätte immer, daran hat er sich längst gewöhnt. --
Jachl hofft an jedem Mittwoch von neuem. Könnte Lieschen ihn nicht überraschen? Weshalb nicht? In seiner Phantasie ist ihre Freundschaft riesenhaft gewachsen. Einen Menschen muß wohl der Mensch haben, an den er sein Herz hängt. Jachl hat keine andere ausprobiert. Er weiß nicht, wie sie sind, die Mädchen; seine eigenen Gefühle setzt er einfach bei Lieschen auch voraus. Und daß sie nicht schreibt, ist nicht ihre Schuld. Wer weiß, wie streng ihre Herrschaft ist. --
Um drei Uhr nachmittags kommt der Zug an. Sein Pfeifen ist, wenn man gut aufpaßt, schwach zu hören. Alle legen oder setzen sich dann rasch in Positur. Wer einen Spiegel hat, sieht noch schnell hinein. Einigen treten vor Freude Tränen in die Augen. Wenige Minuten später kommen schon die ersten. Jeder Besucher hat eine Tüte in der Hand, darin sind Weintrauben oder Apfelsinen oder Kuchen. Manche bringen ein paar Blumen mit. Im Winter gibt es in Berlin auch Rosen, Tulpen, Veilchen. In Lüttersloh gibt es die bloß im Sommer. Zu manchen kommen sogar mehrere auf einmal. So Unverschämtes wünscht sich Jachl gar nicht.
Wenn das Hereinströmen aufhört, wird die Tür zugemacht. Jachl nimmt dann immer ein Buch vor die Nase, aber er spitzt doch die Ohren. Ihm ist es ganz egal, was sie reden, bloß Streicheln oder Küssen, das kann er nicht vertragen. Dabei wünscht er: »Wenn sie erst nur alle wieder draußen wären.« -- Es kommt ihm vor, als sähen sie ihn ein bißchen mitleidig an oder ein bißchen verächtlich: »Wie kann ein Mensch aber auch gar keinen Besuch bekommen?« --
Bekanntschaften hat Jachl mit der Zeit genug gemacht. Da sind zuerst seine zwei Nachbarn. Der eine ist Malerlehrling. Er hat dieselbe Krankheit wie Jachl. Gleich als Jachl den Platz neben ihm angewiesen bekam, eröffnete der kleine Maler die Bekanntschaft mit der Versicherung: »Du wirst gewiß auch nie wieder gesund.« Jachl fragte kleinlaut: »Woher weißt du das?«
»Von mei'm Vater; der sagt, ich bin ›chronisch‹, und das heißt doch soviel wie: ›nie wieder ganz werden‹. Vater hat es aus einem Medizinbuch rausgelesen. Und ›chronische‹ hast du auch, Jachl, darauf kannst du dich verlassen.«
In Jachls Kehle kommt etwas Schweres in die Höhe, er muß ordentlich schlucken, bis er's runtergepreßt hat: das ist Schreck. -- Später hat's Jachl seinem Nachbarn nicht mehr geglaubt. Das war Unsinn mit »chronisch«. --
Der kleine Maler weiht Jachl -- trotz »chronisch« -- in die Geheimnisse von Berlin ein; nicht in die allerschlimmsten, aber doch in Dinge, von denen ein Hütejunge, wenn er auch schon ein richtiger Schäfer ist, nichts wissen kann. An seiner Krankheit, versichert der Nachbar, sei die Schlafstelle schuld; na, was da alles passiert! und seine Braut, die hat's auch auf der Lunge. --
Daß in Berlin mit sechzehn und achtzehn Jahren jeder eine Braut haben muß, leuchtet Jachl wieder nicht ein. In Berlin sind sie doch wohl viel weiter.
Am liebsten erzählt der kleine Maler vom Theater. Theater ist sehr schwer zu begreifen, wenn es einer noch nie gesehen hat. Jachl will nicht streiten, aber, was kann an all dem Vorgemachten, was doch alles nur ausgedacht ist, sein? Ihm gefällt nur, was wahr ist. Auf der Heide sind ihm die Wolken und der Wind und der Schnee und die bunten Farben am Himmel Theater genug. Aber erzählen läßt sich Jachl gern von all den Dingen, dann ist das Stilleliegen nicht so langweilig. --