Der Nachbar zur Linken sollte vor Jahren in »Fürsorge«; er fing aber an zu husten, und so haben sie ihn hier eingesperrt. Für den »langen August« ist die Heilstätte zuerst dasselbe wie ein Gefängnis gewesen. Er zeigt Jachl einen Zettel, den er mal stibitzt hat, auf dem steht:
»Durch den freiwilligen Erziehungsbeirat geschickt, erscheint bei uns die Großmutter eines 14 jährigen ehelichen Knaben. Seine Mutter ist vor einigen Monaten an der Schwindsucht gestorben. Der Vater lebt mit einer Wirtschafterin zusammen. Der Knabe soll von beiden schlecht behandelt werden.«
Schwarz auf weiß ist es also geschrieben, daß die Schuld nicht an August allein lag, daß er »so« geworden ist. Er findet, Jachl kann überhaupt noch nicht mitreden, denn Rumtreiben, ohne Obdach sein, Stehlen, das alles kennt er nicht. -- Der lange August hat in den drei Jahren seines Aufenthaltes hier auch eingesehen, daß man weiter mit Ehrlichsein kommt, als mit Schlechtsein. Sein Husten hat sich gebessert. August soll so lange als möglich in der Anstalt festgehalten werden.
Den Zettel, welchen er Jachl zeigte, hat er von einem Bogen abgerissen, auf dem lauter Sachen von schlechtgewordenen Kindern zu lesen sind. August borgt Jachl den Bogen, damit er sieht, wie es in Berlin zugeht. Das hat Jachl wirklich nicht gewußt! In Lüttersloh gibt es auch eklige Mädchen und Jungen, die stehlen und betrügen, aber daran ist Lüttersloh nicht schuld. In Berlin sind die vielen schlechten Beispiele und die vielen Kleider und Ringe und all die Sachen, die sie sich auf den Leib kaufen möchten. Ja, das ist wohl zu glauben, daß sie da einen »Kinder-Rettungsverein« brauchen. --
Nicht weit von Jachl liegt ein kleiner Junge, dessen einziger Wunsch darin besteht, an seinem Geburtstag bei Vater und Mutter zu sein und bei all seinen Geschwistern. Gar keine Geschenke will er haben, nur den einen Tag zu Hause sollen sie ihm schenken. Als Jachl dem Kleinen erzählt, daß er nie einen Geburtstag mit Vater und Mutter gefeiert habe, meint der: »Das lügst du; ein Junge muß doch Vater und Mutter zum Geburtstagfeiern haben, sonst ist er ja gar kein Kind.« --
Erst in der Heilstätte fängt Jachl allmählich zu fühlen an, daß er zu niemandem gehört. »Das traurige Simulieren kommt bloß vom Nichtstun,« denkt er, »beim Arbeiten merkt man von allen Schmerzen nichts.« --
Auch er hat einen Wunsch, einen riesengroßen, wie der kleine Geburtstagsjunge. Er lautet: zur ländlichen Kolonie! Sie gehört auch zur Volksheilstätte. Wenn er dorthin überwiesen würde! Sie wäre für ihn das gelobte Land. Jedes Mal, während der Untersuchung beim Doktor, faßt er sich ein Herz und fängt davon an. --
Seitdem er kurze Spaziergänge machen darf, wählt er stets den Weg zum Schweinestall. Die dorthin gelieferten Küchenabfälle betrachtet er prüfend; und die Frage, »wie Schweine fettgemacht werden?« verursacht ihm Herzklopfen. Schließlich wäre er aber auch schon froh, wenn er in die Abteilung: Puten, Gänse, Enten und Truthähne käme. Durch den hohen Drahtzaun beobachtet er das Geflügel so innig und so hingebend, daß der kleine Malernachbar immer wieder rufen muß, wenn die Stunden für den Aufenthalt in der Liegehalle herangerückt sind.
Endlich kommt Jachls großer Tag.
»Gartenbauschule« heißt das Paradies, das er betreten darf. Ein neues Leben beginnt: Jäten, Harken, Begießen! Mit dem Herumliegen ist es vorüber.