»Jauersche und Kartoffelsalat«, hört er eine Stimme rufen.
»Mir auch«, schreit Jachl.
»Mir auch«, wiederholt er.
Er ißt und trinkt, hört zu und trinkt, bis aller Jammer schwindet; nicht nur schwindet, sondern einer hellen Lustigkeit gewichen ist. Von Lieschen und ihrem Kinde weiß er bald gar nichts mehr. Was gehen die ihn an? Da sitzt ja ein dralles Fräulein neben ihm; eins, das kaum siebzehn ist, mit gekrausten roten Haaren und vielen Ringen auf den Fingern und einem Mund, der so rot ist, wie Jachl noch nie einen Mund sah. Eine weiße Bluse ist über ihre Brust gespannt; deutlich erkennt man rosa Bändchen darunter und ein Hemd, das ganz mit Spitzen besetzt ist. »Wie kommt solche Feine in'n Keller?« simuliert Jachl. »Und weshalb drängt sie sich gerade an mich? Darüber muß man staunen! Schade, daß der kleine Maler nicht mit hier ist, der wüßte sicherlich Bescheid zu geben.« --
Unsicher erinnert sich Jachl, daß er noch gestern in der Heilstätte gewesen, daß er fest versprochen, alles Gute, was er dort gelernt hat, weiter einzuhalten: schlechte Luft zu meiden und schlechte Gesellschaft und Rauch und Hitze und Alkohol und noch viele, viele Dinge, auf die er sich jetzt gar nicht mehr besinnt. Schon heute nicht mehr besinnt! --
Immer lustiger wird es in dem halbdunklen, von Fuseldunst erfüllten, überhitzten Raum. Jachl hört Schimpfworte gemeinster Art. Taumelnde Gestalten verlassen den Keller. Andere, auch taumelnd, fallen die Stufen herab. Johlend erheben sich Männer, deren Gesichter dunkel gerötet und schweißtriefend sind. Sekundenlang wundert sich Jachl immer noch, woher er hier zwischen diesen sitzt. Dann aber hört auch das Wundern auf. --
Alle haben ein Mädchen am Arm. Sie streiten oder sie küssen. --
Mit vielen zusammen steht Jachl endlich auf der Straße. Er merkt, auch er hat eine untergehakt; er glaubt, es ist die mit dem spitzenbesetzten Hemd. Genau weiß er es aber nicht. --
Bezahlen kann Jachl nichts mehr. Die rote Jule hat ihm ihr gefülltes Portemonnaie gegeben. Ist das schwer und dick! Er wiegt es bewundernd in der Hand. »Weil du mir gefällst,« hat sie gesagt und ihm laut schmatzend einen Kuß versetzt. »Sapperment,« lacht Jachl, »der schmeckt, der schmeckt, so was gibt's bloß bei euch hier in Berlin.«