Jachl heißt plötzlich nicht mehr Joachim, nicht mehr Jachl, er heißt: Karl. Und Schäfer ist er auch nicht mehr, sondern Hausdiener. Schäfer werden in Berlin nicht gebraucht.
Der kleine Maler versichert, Joachim habe das große Los gezogen: Hausdiener mit Livrée in solchem vornehmen Hotel. Gleich möchte er tauschen! Die Hauptsache ist aber, in Berlin muß einer »was vorstellen«. Ja, und beim »Was vorstellen« kommt der kleine Freund nicht mit. --
Von früh bis spät hört Karl-Jachl seinen neuen Namen rufen. Immer kommandiert ihn einer, manchmal gleich zwei. Er kommt sich nur noch wie eine Schnucke vor; hier hat er gar nichts mehr zu rufen, hier wird er bloß immer gerufen. Am Abend ist er so müde, daß er sofort einschläft. Während des ganzen Tages muß er sehr aufpassen, damit er nicht grob angeschrieen wird. --
Zuerst war ihm immer, als habe ihn ein Schlag auf'n Kopf getroffen. Das muß wohl vom Schreck im Mütterheim gekommen sein. Nach einer Woche ward es besser. -- Nicht einmal so viel Zeit bleibt Jachl zum ruhigen Überlegen. Und auch nicht so viel Ruhe; denn, was war die Volksheilstätte gegen die Pracht, zwischen der Jachl jetzt zu arbeiten hat. Seide und Samt, Gold und Silber, wohin er sieht. Seine Gedanken muß einer dazwischen beisammen haben, sonst können sie ihn nicht gebrauchen. An die vielen großen Spiegel überall im Haus muß man sich auch erst gewöhnen. Und dann die feinen Leute! Jachl gefallen sie gar nicht und Berlin auch nicht, aber er weiß wohl, der wird ausgelacht, der das eingesteht. In Berlin ist sich verstellen die Hauptsache, das merkt er rasch. --
Nie wäre Jachl hier geblieben, hätte Lieschen nicht sein Leben ganz verdreht. Er geht ja mit der roten Jule, das ist wahr, aber mit einer gehen und an eine andere denken, das kann passieren. --
Manchmal kommt es Jachl so vor, als nähme einer, der nicht zu sehen ist, jeden Tag einen großen Sandsack und schütte ihn über Berlin aus. Jedes Sandkorn ist ein Kind oder ein Eingewanderter, und nachher soll jedes Sandkorn allein aufpassen, daß es nicht in die Erde gestampft wird. Das ist wohl dumm gedacht, aber wenn Jachl sich in Livrée noch so fein in den Hotelspiegeln sieht, immer und immer fällt ihm das von den Sandkörnern ein. -- Ja, auf der Heide! Da war er wohl eher etwas wie ein festgewurzelter Baum!
Ganz leise haben sie sich wieder in ihn eingeschlichen, die Gedanken an die Schnucken und an den Grasgarten und an die Heidewege und an die schwarzen Machangelbüsche, an die braunen Farren, an die roten Eichen, an die weichen Moosdecken, an die scheuen Rehe, an die Spitzmäuse und an die bunten Schnirkelschnecken. Immer sind sie alle auch mit hier in diesem feinen Hause. --
Das Beste im Hotel ist ein Landsmann, sogar einer, dem Berlin auch nicht gefällt. Richtige Feiertagsstunden verleben beide im geheimen, wenn sie von »ihrer« Gegend sprechen. Zuerst sehen sie sich immer ängstlich um; sie wissen, gleich heißt es, einer ist ein Dummkopf, wenn er an Berlin kein Gefallen hat. Dann aber beginnen sie. Schwatzhaft wie sonst nie wird Jachl. Anfangs ist das Gespräch ein rasch sprudelnder Quell, dann verlangsamt es sich, bis jeder mit einem müden Seufzer aufsteht.
»Jetzt, wie sieht es jetzt auf der Heide aus?,« sagt Karl-Jachl. »In brennender Sonnenglut werden die Schnuckenwege liegen -- ein Mann wird im Sonnenbrand am Heidemoor stehen und Torf stechen, er wird die schwarzen Stücke zum Trocknen hoch aufbauen. Keiner ist wie hier in der Nähe, der immerfort ruft.« Oder vom Wacholderfeld reden sie. Oder Jachl schwärmt von den hellen Nächten, in denen es heller ist wie hier mit allem elektrischen Licht. Und wie anders der Regen herabrieselt als hier, wo er immer nur stört, und wo kein Mensch auf ihn gewartet hat und Tag und Nacht ihn herbeisehnt und »Gott sei Dank« bei den ersten Tropfen sagt und sich auch noch weiter freut, wenn er stundenlang wie in Mollen von oben herabgeschüttet wird. Hier denken sie bloß an die Kleider, die verdorben werden, nicht an den dürren Erdboden, der getränkt werden muß. Ja, was wissen sie hier überhaupt von der Welt!? Die Heide haben die wenigsten gesehen, und wenn sie sie sahen, konnten sie sie wieder vergessen. Ja, wie kann ein Mensch die Heide vergessen? Er muß ja gar kein Herz haben. Vor den Schaufenstern, wo es blitzt und blinkert, stehen sie, und das ist doch rein nichts gegen das Silber des Wollgrases oder das Gold des blühenden Postes oder das Kupferrot vieler Büsche!