Wer meinen Jachl nicht kennt, der könnte ihm nicht mehr den Heidjer anmerken. Er hat sogar aufgehört, sich, wie er es anfangs immerfort tat, zu wundern. Er weiß, in Berlin kommen wohl täglich tolle Sachen vor. Was erlebt er nicht allein in seinem Hotel, seitdem er nicht mehr ganz blind ist!

Aus der weiten Welt steigen sie ab; Damen sind dazwischen, die so fein aussehen wie Prinzessinnen. Der Staat der roten Jule ist nichts dagegen. Manche betrachten den Hausdiener in der hellblauen sauberen Uniform so freundlich, daß Karl-Jachl das Blut in den Kopf steigt. Was haben sie an ihm zu besehen? Einmal ist eine mit einem Grafen gekommen, die hat ihn angesehen und gesagt: »Sie sind Ihrer Sprache nach wohl nicht aus Berlin?« Karl-Jachl hat natürlich vor ihr stramm gestanden und ganz stolz geantwortet: »Joachim Bohn aus Lüttersloh.« Da ist die Dame -- ganz jung ist sie nicht mehr gewesen -- wie Schnee geworden; aber gefragt hat sie nicht weiter. Karl-Jachl wußte nicht, wodurch er es mit ihr verdorben hatte. Am selben Abend sind der Graf und die Gräfin weg, ganz plötzlich. -- (Karl-Jachl merkte schon oft, daß Herrschaften sehr veränderlich sind.) Die Dame hat ihm einen Briefumschlag gegeben, als sie klingelte, damit er das Gepäck herunterschaffe, ja -- und da hat sie gesagt: »Behalten Sie das für sich« -- aber so undeutlich hat sie geredet, daß Karl-Jachl fragen mußte, erst dann hat sie deutlich wiederholt: »Für Sie.«

Ja, Karl-Jachl hat es längst gemerkt: Tolle Sachen passieren in Berlin.

Also in dem Briefumschlag haben fünf Scheine gesteckt, jeder ist 100 Mark wert.

Soviel Geld für gar nichts! Karl-Jachls Schreck ist nicht klein gewesen. Große Damen haben wohl ihre Launen. Wenn sie nicht so plötzlich fortgereist wäre, hätte Jachl sie angesprochen, weshalb sie ihm das geschenkt? Doch nicht weil er aus Lüttersloh ist? Erzählt hat er es keinem. Wozu? In Berlin traut einer dem andern immer rasch Schlechtes zu. Womöglich hätte man ihn noch für 'nen Dieb gehalten und in die Zeitung gebracht. Beschwören kann Karl-Jachl: Das Geld ist ihm richtig geschenkt worden. --

Wenn er zurück nach Lüttersloh kommt, will er mal rumhorchen, ob von da eine Gräfin gebürtig ist. Kann wohl möglich sein. Von überall kommen Barone und Grafen. --

In den gewölbten Truhendeckel hinter die heilige Genoveva steckt Karl-Jachl die Scheine. Da sind sie sicher aufgehoben. Er gebraucht sie nicht. --

Allmählich ist Berlin ja ganz leidlich und wäre zum Aushalten, wenn es auf der Welt keine Heide gäbe. Aber wie der eine immer aufs Wasser will und mit seinen Gedanken auf den großen Schiffen ist, so muß es Jachl wohl in die Heide zwingen. Er kann nichts dafür. Und wenn Lieschen auch das Kind hat, mit soll sie doch.

Gerade als Jachl beim Überlegen ist, wann er hier aufhören will, bekommt er einen Brief von seinem früheren Dienstherrn. Der schreibt ihm: