»In die Schule wirst du müssen, Matten, das gehört sich, aber wir haben ja noch ein paar Jährchen Zeit. Immer will ich dir ein Stückchen Weg entgegenkommen. Die Schnucken müssen auch mit. Und wenn du nachher sagst: Lehrer möcht' ich werden, Dorfschullehrer, werd' ich's überlegen. Ein bißchen hoch hinaus, das schadet nicht. Und das sag' ich, Matten, solch Prämienblatt wie Vater, das mußt du Ostern auch immer mitbringen und es ganz von weitem auch durch die Luft schwenken, und eingerahmt soll es werden, nicht bloß so angeklebt an der Wand hängen, wo Fliegenschmutz und Staub drauf sitzen. Und, Matten, diesen Sonntag gehen wir in die Kirche; mir ist so nach Betenmüssen. In Berlin ist der liebe Gott viel weiter weg; -- ich weiß ja, daß das Unsinn is, und es kommt Vatern bloß so vor, ja, das weiß er, aber hin wollen wir, Matten -- du brauchst nicht bloß allein einen Vater -- ich auch.«
Die Stille und der Duft der Heide treiben Jachl in diesen Minuten nur immer stärker in einen seltsamen Rausch hinein. So leicht und frei hat er sich noch nie gefühlt. Wie kann ihm so wohl sein ohne Lieschen? Die schmerzliche Sehnsucht ist nicht mehr in ihm. Vielleicht kommt sie wieder, die Sehnsucht. Wie soll er das wissen? Aber heute, heute ist sie verflogen.
Wohin, mein Jachl, wohin ist sie verflogen?
Mit der Hand beschattet er wieder und wieder die Augen, um deutlicher erkennen zu können, wenn eine wohlbekannte Kuppe in der Ferne emportaucht oder eine Waldeswand, deren Bäume sich wohl doch nicht wenig verändert haben. Breiter und höher sind sie geworden, grad wie der Schäfer. Aber dieselben sind sie doch geblieben; bei ihnen ist es bloß von außen, das Verändern.
So oft Jachl Verändertes sieht, sagt er dasselbe, nein, er ruft es: »Matten, Matten, haben wir es gut! In Berlin kommt einer beim Verändern selten gut fort. Zum Bessern verändert er sich nich, mehr zum Schlechten bei allem Zeitungslesen und Großtun und Geldverbrauchen und Nichtshaben. Matten! Matten! Um uns brauch' sich keiner mehr zu ängst'gen.« --
Genau wie Jachl bei der Trennung von der Heide unglücklich gewesen ist, obwohl keiner da war, dem der Abschied von ihm schwer wurde, so ist heute niemand da, der seine Seligkeit mitempfindet. Kein Mensch. Das ist wahr. Aber an Menschen hat Jachl auch gar nicht gedacht, so oft seine Gedanken nach Hause flogen. Zu Hause ist er unter diesen zitternden Zweigen, die verlangend nach ihm zu greifen scheinen, wie Mutterhände. Und sonst hat er hier noch hundert »zu Hause«, ohne Vater oder Mutter oder Geschwister. --
Zuerst ist Jachl ganz langsam gegangen. Jetzt plötzlich hebt er seinen Jungen auf, um rascher weiter zu kommen. Nicht wegen Klas Hinnerk, dem Dienstherrn, hat er Eile, dem kommt er früh genug auch eine Stunde später. Und die Schnucken können auch noch ein bißchen warten. Nur Freude jagt ihn; zu sprechen hat er aufgehört. Ein paar Minuten hat er flöten müssen. Auf der Heide ist niemand, der Flöten verbietet. Nach dem Flöten ist das Singen gekommen und dann -- das Schweigen.
Hügelauf, hügelab gehen sie. Jedesmal, wenn sie aufwärts steigen, scheint es Jachl, als käme er seinem Himmel wieder ein wenig näher.
Mit dem Himmel ist es ja wohl immer nur Einbildung, aber -- wer an ihn glaubt, der hat ihn. --