Kunst! Kunst! Mit welchem Recht weise ich die Vorstellung nicht mehr wie Einfältigkeit oder Wahnsinn von mir, daß sie mich an sich bannen will, daß ich auf meine Weise eine Sekunde lang in die Zeit einzugreifen habe? Fragen, nichts als Fragen, als überflüssige Fragen, deren Qualen von Seligkeiten doch nicht zu unterscheiden sind. —

Dies alles schreibe ich Dir in seelischer Scham. Mit dem gleichen, nein, hundertfach verstärkten Empfinden bitte ich Dich, beigefügtes Gedicht als Dein Eigentum zu betrachten. Es ist wieder ganz im Gefühl des Triebhaften entstanden; ich selbst kann nicht beurteilen, ob es mir gelang, die Macht und die Echtheit der Empfindungen, aus denen es geboren, so zum Ausdruck zu bringen, daß es zitternd in Dir nachklingt. Keinen anderen Ruhm könnte ich je erstreben als den, einen Widerschein in Deinen Blicken aufleuchten zu sehen — keinen sonst — —

Gestern, nachdem ich Dich verlassen, las ich wieder einmal Deine Briefe, um den Strom von Güte, menschlichem Verstehen, Reinheit und — tiefster Zärtlichkeit zu fühlen, der von Dir ausgeht. Von der Macht dieser Zärtlichkeit scheinst Du selbst nichts zu wissen, von dieser stillen Innigkeit, die soviel bindender ist als Du es weißt und — als es Dir erwünscht ist.

Geliebteste, Du bist krank, nur wenig krank, aber ich darf Dich nicht sehen. Schreiben konntest Du heute auch nicht. Meines täglichen Brotes bin ich beraubt. Nur solange meine bisher ungesungenen Lieder sich wie frohe Sieger ins Leben drängen, ertrage ich die Oede der Tage. Mit dem, was in meinen besten Augenblicken sich in mir erhebt, kann ich nicht zu Dir stürmen. Aber immer sehe ich Dich dennoch, ich suche Deine Hand, meine Lippen neigen sich auf Deine schlanken Finger. Glaube mir, Maria, nie ist eine Frau schwärmerischer und doch auch mit tieferer Ehrfurcht geliebt worden als Du. Vergiß nun endlich, daß wir mit der herrschenden Gesellschaftsordnung in Konflikt geraten sind. Was liegt daran? Fürchtest Du plötzlich Dein Sondergepräge? Unmöglich: eine Natur wie Du, muß, solange sie lebt, in gewissem Grade unabgeschlossen bleiben. Dein Erschrecken paßt nicht zu Dir. Lasse Dich überzeugen. Noch in zehn Jahren, nein, in zwanzig Jahren wirst Du nicht vor Umwälzungen in Deinem Innern sicher sein. Was wußtest Du denn mit Bestimmtheit? Etwa, daß ich Dir eine neue Brücke für die Zukunft werden könnte, ich, der Unbelebtesten einer? Du süße Warnerin wußtest ja auch nicht aus eigener Erfahrung, daß Liebe das Rätselvollste ist und mit der Bedeutung oder dem Wert dessen, was der andere ist, nicht im Zusammenhange stehen muß. —

Die beiden Tage ohne Dich haben mich zum Grübler gemacht. Solange ich denken kann, hat niemand dem, was ich fühlte, edle Teilnahme zugewandt; — vielleicht Alltags-Teilnahme, aber was bedeutet sie? Oft mehr Hemmung als Befruchtung. Tausendmal werde ich es Dir wiederholen müssen: „Da fing mein Leben an, als ich Dich liebte.“ Du allein, nur Du, Maria, konntest mich aus der Zufallsgemeinschaft mit den Vielen erlösen. Anfangs war es nur Deine mütterliche Heiligkeit, die mich zu Dir trieb. Noch kann ich Dir die Sekunde genau bestimmen, welche die erste leise Verschiebung hervorgerufen hat. Ich stand vor Dir, wie so oft bereits; Du sprachst anspornend, anfeuernd mit mir. Nichts hatte sich verändert. Da — plötzlich war’s, als sähe ich überall, wohin ich blickte, blühende, glühende Rosen. Eine seltsam verwirrende Beklemmung zitterte minutenlang in meiner Seele. An diesem Tage kam ich zum ersten Male nicht mehr von meiner Mutter — nicht mehr nur von meiner Mutter. Stundenlang wanderte ich nachher am Kanal entlang. So schön, nein, so schön war die Erde nie: alle Leute schienen Menschen geworden, die ihre störenden Eigenschaften abgelegt hatten. Für immer glaubte ich von allem Gewohnten und Gewöhnlichen befreit zu sein. — Ich konnte mich nicht entschließen, das hohe Mietshaus zu betreten, in dem ich wohne; zu weit bin ich allem entrückt gewesen, was zwischen Mauern sein Dasein fristen kann; ringsumher in der Luft schimmerte ein Schein, der den Tag kündete, obwohl ich wußte, daß noch viele Stunden bis zum Sonnenaufgang verrinnen mußten. —

Werde ich morgen, endlich, endlich wieder das Rauschen Deines Gewandes vernehmen? Werde ich Deinen Blick fühlen, der tief und zärtlich in den meinen sinkt? Werde ich, ehe ich noch bei Dir sein darf, meine Lippen auf die Blätter eines Briefes pressen können?

Maria, Sancta Maria, ich liebe Dich grenzenlos.

Dein, immer, immer

Dein Roland.

[ Nachschrift:]