„Und dann begegnete ich Dir mehrmals auf Friedhöfen“ —
„Ja, damals,“ wiederholte versonnen die Alte —
„Und nun scheine ich schon lange über Deinen schneeigen Scheitel, und längst hast Du das Tanzen verlernt, und viel hast Du zurückgeben müssen von dem, was Dein war an Glauben und Glück, und fast immer finde ich Dich allein, aber noch hast Du Licht in den Augen. Sage mir, Alte, worüber kannst Du noch lächeln? Andere, wenn sie in Deine Jahre gekommen sind, klagen und seufzen. Du jedoch, deren Antwort immer nur ein „damals, ja damals“ war, Du lächelst —?“
„Das wundert Dich, Strahl, der Du das Licht zu sein glaubst? Fühlst Du denn nicht, daß jedes „damals“ von einem Besitz — einer Wonne — einer Seligkeit — einem Vertrauen — einem Glauben — einer Stärke zeugt? Und ich sollte nicht lächeln, so oft ich mich sinnend wieder in all diesen Reichtum verliere? Aber nicht nur Erinnerung ist’s, aus der mein Lächeln geboren wird: Solange auch nur ein Wesen zu mir gehört, um das ich mich sorgen darf, solange ich zu erkennen vermag, daß Kämpfer leben, die sich bemühen, die Welt gesünder und die Menschen größer zu machen, solange kann mein Lächeln nicht sterben — — — “
Roland, lieber Junge, ist diese Alte nicht meine Blutsverwandte? Kämpfe auch Du mit all Deines Herzens Glut und Kraft immer von neuem für die Menschheit, ganz besonders dann, wenn Du Dich von eigener Mühseligkeit und Belastung befreien willst. Die Verteilung der Güter ist gar nicht so ungerecht, als sie vielen bei nur oberflächlicher Betrachtung erscheint; denn — nur ein Beispiel: Wessen wäre die Schuld gewesen, — oder wie immer ich die Unterlassung nennen sollte — wenn Du Dich weiter mit schwacher, wesenloser Sehnsucht beschieden hättest? —
Komm so früh Du kannst; ich warte.
Maria.
Einzige, ich weiß nicht, ob Du auch das verstehen wirst: Mit der Leidenschaft für Dich ist der Glaube zusammengeschmiedet, irgend etwas vollbringen zu müssen. Stelle ich mir vor, wieviel Jahre ich ohne Dich sein konnte — ich sage nicht leben konnte — so fasse ich es allenfalls. Man kann ja auch in der Dürre ein Dasein fristen; toben aber möchte ich darüber, daß es mir an Denkmut gebrach, mir ein einziges Tor aufzustoßen. Für jeden ist doch sein Tor da, nur aufzureißen muß er es verstehen. Dieser Lahmheit schäme ich mich vor mir selbst am meisten. Welch ein Schwächling war ich! Kaum etwas wie Träume hatte ich noch zu begraben! Hin und wieder, ganz selten, während ich mechanisch einige Augenblicke auf die vielen Zahlenreihen vor mir starrte, streifte mich flüchtig die Vorstellung: gleichgiltig — gleichgiltig — einmal wird es kommen. Aber nichts tat ich, dieses „einmal“ in meinem Bewußtsein wenigstens zu klären. —
Vergiß nicht, Maria, auch wenn ich von mir spreche, spreche ich eigentlich von Dir. In meiner Brust muß „es“ doch gewesen sein, weshalb konnte ich es nicht allein aus den Schalen schlagen, in die es sich verkapselt hatte? Wie konnte ich mich so gelassen in die trostlosen Willkürlichkeiten des Alltags finden?