Sollte ich mich meiner einstigen Fügsamkeit halber jetzt verachten, mich bemitleiden? Für beide Gefühle mangelt es mir an Zeit, denn ich muß weiter. Muß, muß, weil ich ohne die Glut meines heißen Herzens verstummen könnte. Sie allein läßt mich keinen Schlaf in all den langen Nächten finden, die mich von Dir trennen. In der heutigen blieb ich auf; ich schrieb Stunde für Stunde an — einem Stück. Lache nicht, Du, die Du mich auf einen anderen Planeten verschlagen; geliebte Heilige, lache nicht. Stille umfing mich, indes ein Plan sich in mir entfaltete. An technische Schwierigkeit dachte ich so wenig wie ein Nichtschwimmer, der dennoch ruhig ins Meer hineinschreitet. Wirst Du, aller Frauen geliebteste, einen verhöhnten Freund nicht verlassen?
Hättest Du vorher gewußt, welche Geister Du in dem schweigsamen Menschen wachzurufen vermochtest, der fremd und hilflos wie ein Kind auf jenem Feste einige Minuten zufällig an Deine Seite geschoben wurde, hättest Du auch dann, weil Du ihn fördern zu müssen glaubtest, vor ihm Halt gemacht? Schweige, Geliebte, schweige; die vibrierende Glückseligkeit Deines Herzens ist Antwort genug. Gib alle Rechtfertigung auf. Komm. Steige hinan bis auf die Stufe, auf der es weder Schmerz noch Sünde gibt. Nur die Stufe hat für uns noch Bedeutung. Alt, zu alt, Du zu alt? Denkst Du dabei an die Vorstellungen der Masse, an ihre hohle Wesenheit, die sich aus Gedankenarmut und versteiften Vorurteilen zusammensetzt? Alle Wunder der Welt haben sich uns erschlossen, Maria, Du selbst der Wunder schönstes.
Dein Roland.
Roland, Du — Du (ich glaube, es gibt keinen innigeren Ruf für uns) — „und war doch nur ein altgewohntes Wort, das oftmals achtlos floß von ihren Lippen“ —
Lange habe ich nicht mehr geträumt, heute aber sah mein Auge nach den Wolken; ich sah, wie die hellen Schichten ineinanderflossen, sich verschoben, wie sie sich in die dunklen verloren, wie sie sich wieder von ihnen lösten. Aber nichts mehr von „lösen“ heute, wir haben unsere Stunde heute schon zu viel beschattet. Nur dieses noch: Du denkst doch nicht etwa, ich trüge die Vorstellung von Entsagung in mir? Das wäre ein völliges Verkennen. Meine Handlungen werden letzten Endes von den Forderungen bestimmt, die in meiner Natur liegen. Also, sie sind eher das Gegenteil von Entsagung. Im Augenblick sind diese Forderungen vielleicht so verborgen, wie die Wurzeln eines Rosenbusches.
Ich mute Dir, geliebter Junge, wohl oft schwierige Gedankensprünge zu? Es ist aber so herrlich, zu wissen: da lebt ein Mensch, der kann niemals denken: „komisch — seltsam — närrisch“ — ein Mensch, der Andacht auch vor deinen Unbegreiflichkeiten hat. Wir armen Künstler sind ja eigentlich stets gezwungen, unsere teuersten Besitztümer zu verleugnen. Wir sollen bequem im Umgange sein, wie andere „vernünftige“ Leute. Kunst aber quillt aus Unvernunft, nicht aus Vernunft. Ein bedeutender Künstler darf aus Rücksicht für seine Kunst — ich denke an ihre Vervollkommung, an ihre größtmögliche Steigerung — Gesetze nicht nur übertreten, er kann sogar dazu verpflichtet sein. Ueber die Berechtigung seines Handelns entscheiden dann viel später seine der Welt geoffenbarten Schöpfungen. Ich erwähne dies nicht etwa als eine mir von eigenen Gnaden zugebilligte höhere Moral. —
Gestern starb in meinem Hause ein alter Mann nach langem, viel, viel zu langem Siechtum. „Der Tod hat mich vergessen“, seufzte er, als ich ihn zum letzten Male besuchte. Ich lege Dir einige Blätter ein; lies, welche Gedanken sein Sterben in mir erweckte.
[ Vom verkannten Tode.]
Der Tod beschloß, sich von der Welt zu entfernen. Wenn er zurückschaute, so entsetzte er sich vor der Gedankenlosigkeit der Menschen. Ihr ewiges Schluchzen ertrug er nicht mehr, besonders seitdem er wußte, wie rasch das Leben Tränen trocknete. Ihre oft sinnlosen Wehrufe mußten seine Liebe ersticken. Nur Ungerechtigkeit hatten sie ihm gezeigt. Unfaßlich war ihr Undank. Sie verdienten gar nicht, sterben zu dürfen.