Schrie hin und wieder einer nach dem Tode, und er kam dann wirklich, änderte der Tod eines Flehenden halber seinen Weg, was geschah? Zähneklappernd versuchte der scheinbar Lebensmüde sich vor ihm zu retten. Er hatte plötzlich für die Mißhandlungen des Lebens gar kein Gedächtnis mehr. Gleich wieder war’s, als sei nur der Tod der Böse, der Unbarmherzige, der Lieblose, der feindlich Gesinnte.

Nein, lange genug hatte der Tod das Verkanntsein ertragen. Niemand konnte so mißverstanden werden wie er. Wohlan! Mochten sie versuchen, ohne ihn fertig zu werden, mochten sie sich endlos am Leben quälen, diese alle, denen seine schwarzen Schleier immer nur Entsetzen bargen.

„Ich wandere aus,“ entschied der Mißhandelte, hüllte sich fest in dunkle Nebel und — entschwand.

Anfangs merkten die Menschen gar nicht, wie arm sie geworden waren. Die Alten, die geduldig — weil sie sich dem Sterben nahe wähnten — Krankheit und Ueberflüssigkeit ertrugen, sahen noch jedem Morgen erwartungsvoll entgegen. Ihre Hoffnung werde sich ja erfüllen — noch hatten sie Zeit. Sie wußten: Der Tod würde sie zur rechten Stunde holen. Aber sie erfüllte sich nicht; sie wurden achtzig, sie wurden neunzig, sie wurden hundert Jahre. Sie wurden ganz taub, ganz blind, ganz stumpf, ganz mürbe, sie wurden ganz überflüssig, sie nahmen nur noch Platz fort. Mit den Neuen verstanden sie sich nicht. Man ertrug sie nur noch. Man sah nach ihnen, weil sie eben doch da waren. Niemand brauchte sie. Die Zeit war lange schon über sie fortgerauscht. Sie hatten sich selbst überlebt. Fröstelnd rangen sie ihre dünnen, knochigen Finger. Tag und Nacht murmelten ihre schmalen Lippen: „Vergessen vom Tode — vergessen vom Tode!“

Gleichgültig kamen die Jahre; gleichgültig gingen die Winter an den Alten vorüber. Kein Lenz ließ ihnen etwas erblühen; kein Sommer lachte ihnen. Herbst kam und Herbst ging; die Greise blieben.

Einstmals konnten Menschen, deren Liebe zueinander gewaltig war, vereint auf dem Gipfel der Glückseligkeit sterben; damals, als der Tod noch im Lande war. Sie wurden nicht gezwungen, sich vom Leben plündern zu lassen. Lächelnd konnten sie sich, Brust an Brust geschmiegt, vor dem Weniger retten. Auch das hörte auf. Keiner mehr hatte Leben oder Sterben in seiner Hand. Das aber ist das Grauenvollste: Leben zu müssen.

Menschen, die schlecht geworden, Bettler, die an ihrer Gesunkenheit litten, Unglückliche, die zu Verbrechern geworden, konnten sich nicht mehr freiwillig vom Leben lösen. Flucht aus Schande, Flucht aus unheilbaren Leiden, Flucht aus den Schmerzen unglücklicher Liebe, Flucht aus Entsetzen an mißratenen Kindern, Flucht vor Umnachtung der Gedanken gab es nicht mehr. Die Scharfrichter wurden ihres Amtes entsetzt; neue Strafen mußte der Gerichtshof ergrübeln.

Allmählich war das Wort von der Hartherzigkeit des Todes erloschen; aber plötzlich entstand für ihn die Bezeichnung: Todesengel — Engel des Todes. —

Ein anderes Schluchzen drang in die Welt und ein anderes Sehnen. Nicht der Sonne streckten sich Arme inbrünstig entgegen, sondern suchend dem entschwundenen Tode. Wehklagend irrten Menschen von Scholle zu Scholle. Inbrünstig betete man, daß er wiederkehre, der qualvoll Entbehrte. Allen Menschen schien es, sie hätten ihren Erlöser verloren, seitdem der Tod ihnen unerreichbar blieb. Sie schämten sich jener Geschlechter, von denen die Sage berichtete, daß sie dem Tode händeringend entgegengestarrt haben sollten, daß sie ihm geflucht hatten.

Haß und Bitterkeit, Ueberdruß und Kälte trieben die Menschen auseinander.