Eltern beklagten ihre lächelnden Kinder, denen später auch die Bürde eines endlosen Lebens zu tragen bestimmt war. Denn nicht in Jugendkraft und Fülle wurde ja den Erdbewohnern zu bleiben gewährt; nein, genau wie ehedem, mußten sie alles zurückgeben: Gesundheit, Hoffnung, Glauben, um zuletzt — körperlich und geistig vernichtet — sonnenlos in Nacht und Finsternis dahinzuvegetieren.

Es konnte nur eine Fabel sein, daß einst vom hartherzigen Tode gesprochen wurde. Längst wußte man, wer der Gütigste, der Erbarmer gewesen. Hatte man früher gefordert, daß er aus Mitleid entweiche, jetzt forderte man, daß er aus Mitleid zurückkehre. Doch nein, man forderte nicht, man flehte, man bat, man opferte.

Grauen vor dem Frühling erfüllte die Menschen, dessen Süße Leben spendet, dessen Atem befruchtet.

Immer freudearmer wurde die Erde; nur Kinder lächelten. Die Gedanken aller Erfahrenen schienen einem einzigen Ziele zugewandt: Dem Wiedererscheinen, der Rückkehr des Todes. Was bedeuteten die Tränen jener Zeiten, da man ihn besaß, gegen die Trauer, nun man ihn verloren hatte? Man begriff erst, was Vernichtung sei, nachdem das Sterben aufgehört hatte. —

Unauffindbar, unerreichbar blieb der Tod. Vögel flogen hin und her, flogen in die Weite, weil sie hofften, ihn mit ihren wundersamsten Weisen zu rühren.

Dann aber vollbrachte ein Kind das Wunder.

Obwohl die Menschen den Tod nicht sehen konnten, so hatte er sie doch keine Minute aus den Augen verloren; sie blieben seine schmerzliche Liebe. Und ist es nicht von jeher das Schicksal der Liebe gewesen, verkannt zu werden? Darf Liebe danach fragen? Ach, auch der Tod sehnte sich zurück nach den Menschen. Er konnte die Süße der Küsse, die ihn mit den vom Leben Befreiten vereinte, nicht vergessen, jene Küsse, von denen ja kein Lebender singen und sagen kann.

Nicht den Greisen zuliebe kehrte der Tod zurück, nicht der Kranken halber, — der Unschuldigen wegen. Ihnen vermochte er nicht zu widerstehen.

Ein armes Mädchen hatte in Schande und Verlassenheit ein Kind geboren. Große strahlende Augen richtete das Neugeborene erwartungsvoll in die Welt. Diese leuchtenden Sterne verdunkelte der Tod. Schmerzlos glitt das schuldlos Verurteilte in des Todes Arme. In dem Augenblick erhob sich ein Hymnus ohne gleichen auf der Erde: einmal noch atmeten Müde tief und befreit auf, dann endlich schlossen sie die glanzlosen Augen für immer. Liebende umschlangen sich in heißer Seligkeit. Kämpfende, Irrende, Kranke knieten von dem Bewußtsein überwältigt nieder, nicht unrettbar an das Leben geknebelt zu sein. Licht überleuchtete an diesem Tage die ganze Welt. Auf dem Sonnenball stand hochaufgerichtet eine feingliedrige Gestalt. Nicht mehr wie einst umhüllten schwarze Schleier ihre Glieder. Umstrahlt von weißem Schimmer sank der Tod mitleidig wieder hernieder auf die Menschheit ...

Marie, Deine Maria.