Geliebte Frau, zügele Deinen Heißsporn. (Mit wieviel Namen wirst Du ihn noch nennen können, wenn er sich so „weiter entwickelt?!“) Zügele ihn, weil er sich plötzlich für einen Beherrscher des Lebens hält, der gar nichts mehr von seiner einstigen Sklaverei weiß. Nein, zügele mich nicht. Nur, wer sich für einen Eroberer hält, kann einer werden, und ich habe ja noch so viel zu erobern: Dich, hundertmal zuerst Dich, meine Gefährtin, Du meiner Seele Köstlichstes und — auch mich; denn das Land meiner vielleicht unsterblichen Freuden in der Kunst (für mich allein unsterblichen) werde ich mir ja in unermüdlichem Werben bis zum letzten Atemzuge neu erobern müssen. Die Gewißheit, daß sie mir „anderswoher“ zuströmen könnten, suchst Du mir beharrlich zu erschüttern! Ja, ja, ich weiß, viele Stunden Deines Lebens waren reich, waren lebendig ohne mich. Aber hat Dich je so flehend, so über Worte hinaus der Hauch erschüttert, der über dem Begriff ruht: „unendliche“ Liebe — hörst Du, unendliche? Ist das nicht der Liebe beseligendstes Beiwort? Ich würde mich freiwillig aus der Reihe der Lebenden lösen, sobald auch ich zu einer „vorübergehenden Erscheinung“ in Deinem Leben geworden wäre. —
Während ich eben wieder einmal Deinen ersten „warnenden!“ Brief las, schien die Vorstellung einer Trennung mich eine Sekunde hindurch zerreißen zu wollen, dann, (verzeih’) ja, dann habe ich gelächelt. Sollte Größenwahn mir drohen, seitdem ich glaube: Liebe muß immer Erlösung für beide der Liebenden sein, — Erlösung vom Tode irgend einer Art? Es gibt ja so viele Tode, an denen Menschen sterben können. —
Lächelnd nennst Du mich Deine „letzte Versuchung“! Maria, Maria! Wiese ich Dir doch auch den Weg zu Deiner letzten Erfüllung. Hättest Du sie bereits erreicht, so konnte bei unserer ersten Begegnung Dein Blick mich nicht halten. Vielleicht lauschtest Du völlig unbewußt in die Ferne auf ein Lied, das auch Du vorher nie vernommen. Laß einmal das Schicksal gewähren, wolle es nicht immer meistern. Mache Deinen dummen Streich, vielleicht ist er ein glückbringender, dann erst kannst Du erfahren, was in dem Menschen Maria steckt.
Unsere Stunde gestern war beendet, grad’ als sie zu beginnen schien. Wann wirst Du mir einen Tag bescheren, einen vollen, ganzen Tag? Ich mag nicht immer „vornehm geartet“ sein.
Roland, nur Dein Roland.
Liebster, tagelang vergaß ich, mich zu fragen, ob die unsichtbare Verkettung, die uns bindet, berechtigt oder unberechtigt sei. Liegt aber nicht schon in dem Ausdruck „Verkettung“ ein Etwas, das über alles Abwägen hinausführt? Nein, ich kann nicht mehr an das Verrinnen, Verflattern von Gefühlen denken, deren Sterblichkeit grauenvoll wäre, auch wenn sie dem lichtesten Tode verfielen.
Oft möchte auch ich mit Dir, Roland, in einer Sprache sprechen, wie sie noch nie gesprochen wurde. Dann verzweifle ich förmlich an meinem eigenen Unvermögen.
Wir hätten uns gestern viel intensiver mit Deinem Stück beschäftigen sollen. Welch ein Glück, Dich bisher nicht von der Vorstellung gehemmt zu wissen, daß es schwerlich dem Schicksal der meisten Bühnenwerke entgehen wird, unaufgeführt zu bleiben. Ganz gewiß existiert auf Erden viel Schönheit, — ich denke natürlich nicht nur an Kunst — die nie aus ihrer Verborgenheit hinausgehoben wird, die nie ihre Bestimmung erfüllt, zu bereichern und zu erhöhen. Ueber wie viele wundersame Landschaften mag nie eines Menschen Auge gleiten! In diesem Augenblicke brauche ich mir nur Spitzbergen vorzustellen, wie es unbewohnt und also auch unbeschritten in glitzerndem Eisesfunkeln mit seinen unabsehbaren Flächen und Bergen in fast märchenhafter Schönheit vor mir lag. Uns kleine Menschen lähmt aber die Möglichkeit, unsere winzigen Gebilde könnten nur dazu bestimmt sein, uns selbst die Wonnen eines Schöpferrausches zu gewähren. Wird ein Baum im Urwalde nicht grünen und blühen müssen, schreitet auch nie ein Mensch an ihm vorüber? Wir Künstler dagegen sind enge, eitle Geschöpfe, die immer gleich an Ruhm denken — an Dich, Ruhm, Du aller Eitelkeiten eitelste, gefährlichste. —