Also Dein Stück! Ja, haben wir die Rollen getauscht, die Auffassungen? Ist’s nicht, als hätte ich den Konflikt ersonnen, der eine Frau, anscheinend in ruhiger Besonnenheit, auf der Höhe aller Seligkeit in den Tod treibt, lediglich aus Angst vor der Gewißheit eines allmählichen Schwindens der großen Leidenschaft zwischen sich und ihrem Geliebten?
Ein Anderer bist Du geworden — ja, ein Anderer. Wie tief ein Anderer, wer von uns wollte es entscheiden? Du hast mein Leben in Verwirrung gebracht und ich das Deine. Was wird übrig bleiben oder entstanden sein, was geboren oder getötet, was wird sich aus dieser beglückenden Verwirrtheit herauskristallisieren? Nie mehr kann ich in die Welt zurückfinden, die ich verließ, oder aus der mich eine fremde Macht stieß. Ja, Du ein Anderer — ich eine Andere, die vollgesogen ist von vielleicht kindertörichten Vorstellungen. Ach, Du, immer leben wir in Vorstellungen und Vorurteilen und nennen sie unsere Ueberzeugungen. Die Entdeckerfreude an Menschen war sicher auch ein Beglückendes, aber ich hatte zu wenig von jenem Göttlichen in mir, das ganz im Geheimen erst die Heiligkeit der irdischen Weihen verleiht. Ich meine jene Weihen, ohne die man wohl auch gut und glücklich leben und anderer Leben steigern helfen kann, ohne die man aber nie ein Genie in der Lebens-Dichtkunst wird. Nur die mit der unzerstörbaren Kraft des Ideals „Behafteten“ haben kein Absterben vor dem Tode zu fürchten. Und nicht nur in der Elendswelt von Gorkis „Nachtasyl“ und nicht nur in Bezug auf den Glauben gilt des Wanderers Luka Antwort auf die Frage: „Gibt’s einen Gott?“ „Wenn Du an ihn glaubst, gibt’s einen, — glaubst Du nicht, dann gibt’s keinen. Woran Du glaubst, das gibt’s eben.“
Mir scheint, ich bin ein Genie im Glauben an das Schöne in der Welt. Aus längst vergangenen Jahren fällt mir zufällig ein Erlebnis ein, an das mich der Duft Deiner beiden roten Rosen, die vor mir auf dem Schreibtisch stehen, erinnert. Ich lebte damals bereits in der Großstadt. Im Hochsommer hätte ich mein ganzes Vermögen am liebsten den wenig verführerischen Gestalten gegeben, deren Rufe: „Rosen! Rosen, sechs für zehn Pfennige!“ durch die Straßen schrillten, während sie neben kleinen, mit wundervollen Blüten hochbeladenen Wagen dahingingen. Noch in diesem Augenblick bilde ich mir ein, die einförmigen, gleichgiltigen Anpreisungen zu vernehmen. Immer empfand ich leises Weh, wenn ich sah, wie die herrlichen Blumen so empfindungslos zusammengerafft wurden. Leicht erfuhr ich, wo diese Rosenmassen wuchsen. Ich freute mich schon den ganzen Winter hindurch auf einen Ausflug in die nahen Rosenfelder. In allen Farben sah ich sie im Geiste wogen und blühen. Erwartungsvoll bin ich hinausgefahren. Schmutzige, kleine Banditen wiesen mir das letzte Stück des Weges. Nicht eilig genug liefen sie mir voraus. Bald las ich auf plump gepinselten Schildern: „Zu den Rosenfeldern“. Ja, Roland, da stand ich denn erschreckt vor dem Stückchen Erde, nach dem ich mich so lange gesehnt hatte. Mochte ich auch suchend Umschau halten, daran war nichts zu ändern, daß diese flachen, noch in ziemlicher Nähe einem Kartoffelfeld gleichenden Felder meiner Rosen Heimatboden waren. Gewiß, ich hatte einen besonders ungeeigneten Tag getroffen; der zu heftige Regen der vorherigen Tage mochte wohl der Felder Aussehen geschädigt haben. Nichts wallte und wogte. Alles war ganz niedrig gewachsen, so ganz anders, als ich es erwartete. Vielleicht wurde zu rasch und zu erbarmungslos geschnitten; sogar aller Duft war in den Augenblicken, welche ich inmitten der Felder verbrachte, wie fortgetrieben.
Anderen Tags begannen sich dann die von mir mitgebrachten Knospen langsam zu erschließen. Zarter Duft erfüllte mein Zimmer. Ich genoß ihn fast wehmütig, ohne mir darüber klar zu werden, weshalb er mich so seltsam berührte. Und ebenso weiß ich nicht, wie es geschehen konnte, daß die Rosenfelder, die ich nur im Geiste gesehen, unzerstörbar geblieben sind. Ihr Bild und ihren Zauber konnte die wirkliche Dürftigkeit nicht verlöschen. Wie oft wird es mir im Leben später ähnlich ergangen sein? Allmählich habe ich wohl zu ahnen begonnen, daß nur denen, deren Rosenfelder nie ganz vernichtet werden können, Rosen blühen, und daß jede Liebe und jedes Lebens Schönheit ebenso gefährdet ist, wie einst die meiner Rosenfelder. —
Wozu eigentlich dieser endlos lange Erguß? Eine glücklich verlebte lebendige Stunde gibt mehr als ein meisterhaft stilisierter „Kommentar“ zu unserem Denken und Fühlen.
Maria.
Einzige, ja, warum schreiben wir uns? Auch ich frage es mich, aber ich antworte mir sehr einfach: ich weiß es nicht. Ja, was weiß ich denn? Weiß ich, warum ich geboren wurde, wann ich sterben werde? Weiß ich, warum ich — ohne bestimmten Grund — heute glücklich bin, morgen aber aus unbekannter Ursache unglücklich und ganz herabgestimmt sein kann? Weiß ich, warum ich heute strahlenden Auges einen großen Dichter zu genießen vermag, und warum ich mich morgen im Tumult nichtssagender Alltäglichkeiten herumschlage? Weiß ich, warum ich heute kühn bin wie ein Held und morgen verzagt wie ein Schwächling? Weiß ich, warum ich heute alles einzusehen scheine und morgen gar nichts? Weswegen ist es nun für mich gerade nötig zu wissen, warum ein Gott uns zwingt, einander zu schreiben? Vielleicht lockt nur der weiße Bogen, ihn zum Boten für schnell schwindende Stimmungen zu nehmen, für Stimmungen, die in jeder Färbung fruchtbarer Boden unseres Denkens und Dichtens werden können. Nur ein Hauch dringt ja bis zum Anderen, denn — ob mündlich oder schriftlich — es gelingt doch nie, sich ganz mitzuteilen. Weder in Briefen, noch in Werken sind wir wirklich restlos die, die wir für den anderen sein möchten.
Ich muß jetzt auf der Hut vor mir selber sein, weil ich merke, daß sich etwas wie Hang zum Spott in mir entwickelt, der mir zwar leicht billigen Erfolg einbringen könnte, aber nichts sonst. Nutzlos im höchsten Grade bleibt ja alles bloße Verneinen. Spötter finden wohl eine Zeitlang ihr Echo, da der Mensch es aus Langeweile nicht ungern hört, wie alles, selbst das Heiligste, verspottet werden kann. Wer selbst andachtslos ist, glaubt im Rechte zu sein und zu gewinnen, wenn er Erhabenes herabzieht. Aber nie wird der Spötter Liebe oder Verehrung finden. Selbst nicht bei denen, welche er unterhalten und zum Lachen gereizt hat. Die Menschheit liebt und achtet instinktiv meist doch nur die, welche die Menschheit geliebt und geachtet haben. Die besten Menschen waren immer anerkennend und bereit zu verehren, wenn auch nicht im Sinne von „jedermann“.
Auf Deinen Wunsch, Maria, habe ich gestern also wieder gebummelt. Das Resultat: Wie trostlos langweilig wäre es, wenn man sich immer amüsieren müßte. Glaube mir, Du und die Arbeit, Ihr seid meine Welt. Ich sehne mich nach keiner „Schule der Erfahrung“, in die ich hier leicht ohne Voranmeldung aufgenommen werden könnte; ich brauche sie nicht. Sie kann mich nur stören und verwirren. Was kümmern mich andere Frauen? Du bist mir die Frau. Andere mögen jünger sein, schöner, reizvoller; meine glückliche Selbstversunkenheit schließt anderes Begehren aus. Jede Liebe trägt wohl ihr Tempo in sich; Du bist mir das Fortreißende. Du, die durch soviel oder so viele Leben geschritten bist, Du ermissest vielleicht nicht, daß gerade das Fernsein von allen brausenden und berauschenden Vorgängen mir Segen gebracht haben könnte. —