Ich bemühe mich nun weiter, Menschen auf die Bühne zu stellen, die leben; keine Phantasiegeschöpfe. Wird meine Kraft ausreichen, mehr als blasse Gestalten zu schaffen? Die Forderung, echte Menschen zu formen, will ich mir immer als erstes Gesetz ins Gedächtnis rufen. Sollte ich jemals „Einer“ werden, so kann mein Gebiet nur das Leben der Ueberflüssigen, der Verlassenen, der Schwachen werden. Laß Dich nicht durch meinen Mangel an praktischer Erfahrung verwirren. Immer mehr treibt es mich zu denen, deren Leid sich den Augen entzieht, und das doch oft soviel nachhaltiger blutet als sichtbares Elend. Du mußt nicht immer an die Zahl meiner Jahre denken, nicht glauben, daß tiefstes Einfühlen in die Seelen der Enterbten, Gesunkenen nur der Frau eigen sei. Ueberhaupt werden männliche und weibliche Eigenschaften viel zu kraß getrennt. Eine Frau mit sogenannten nur weiblichen Tugenden, ein Mann mit Eigenschaften, die wir lediglich als männliche zu rühmen geneigt sind, können keinesfalls als ideale, vorbildliche Menschen gelten. Wenn Dir, Maria, die ganze Welt oft nichts anders als ein Garten Eden dünkt, so wirkst Du in dieser Unschuld beschämend wie ein Kind; wenn Dir die Hartherzigkeit der Gesellschaft die Augen feuchtet und sanfte Wehmut Dich verklärt, so bist Du ganz Frau, und doch, wieviele Schattierungen birgt gerade Dein Empfindungsvermögen, die von Männern mit Beschlag belegt worden sind.

Siehst Du, so wagt Dein „Anderer“ Dich zu sezieren, so rasch ließ er seinen Charakter verderben. Du mußt ihn unbedingt Deine Ueberlegenheit fühlen lassen, damit Fülle und Ueberfluß, wie nur Du sie über ihn ergießest, ihn erinnern, wer Du bist und — wer er.

Oft wundere ich mich, Maria, Liebste, daß man, wenn man in einem verzauberten Schlosse weilt, — und Du bist doch mein verzaubertes Schloß — noch irgend einen Gedanken neben der Liebe haben kann. Unzählige Male möchte ich es Dir wiederholen: Ich lebe nur in Dir, und eben deshalb gleichst Du dem Samenkorn, das in tausendfachen Farben Ungeahntes zu Blüte und Frucht in mir zu treiben beginnt. Ueber die allerersten Anfänge bin ich wohl schon ein wenig hinaus. Immer mehr packt es mich, dieses Ungeahnte, das sich beim ersten tiefen Blick von Dir scheu zu regen begann.

Darf man sich im Rausch einer heiteren Zuversicht hingeben, und darf man dieser heiteren Zuversicht vertrauen? Plötzlich halte ich mich für ein Glückskind. Jedesmal, wenn ich zu Dir gehe, scheint mir die Welt ringsum heller und meine Liebe gewachsen.

Ich kann mich nicht mehr erinnern, durch wieviele düstere Straßen jeder Erdgeborene zu schleichen hat, weiß nicht mehr, wie klein Menschenkräfte im Grunde bleiben, weiß nur von Glanz und Lebendigsein. Mag dies Fühlen auch nur schöne Täuschung sein, eine wachsende Seele braucht solchen Betrug. Nur Dich liebt

Dein Roland.

[ Maria an Roland.]

Geliebter, gestern schriebst Du von meiner Ueberlegenheit. Unsinn! Nenne es ruhig: „echt weiblich,“ aber — ich mag nicht überlegen sein. Ueberlegenheit, wie Du sie mir andichtest, scheint Wandlung — geistige und seelische — auszuschließen; Du aber mußt doch wissen, daß ich gerade in den letzten Wochen dahin gekommen bin, mich freudig auch Irrtümern zu unterwerfen. Daß jeder Tag bereit sein könnte, den vorherigen zu verneinen, übersieht unsere seltsame Kurzsichtigkeit. Fest liegen die Wurzeln, aber die Brandungen des Lebens bewegen unausgesetzt die Kronen. Aus Widersprüchen und Spannung geht Entwicklung hervor. Es ist schade, daß die meisten zu rasch, viel zu rasch aufhören nach unbegrenzten, unbestimmten, nach schimmernden Horizonten auszuschauen, gleichsam als wäre ihr Dasein verriegelt. Sie begnügen sich zu früh mit Wiederholungen, verlangen nichts als einen sicheren, festen Umriß ihres Lebens.

Roland, das alles hört sich schlimmer, umstürzlerischer an, als es im Grunde ist. Allerdings, Menschen, die schon bei lebendigem Leibe „Entseelte“ sind, mögen sich entsetzen, und vom Tempo der Masse entfernt es. Ich halte nicht viel von allgemein gültiger Gesetzlichkeit, kaum wenn sie Dieben und Mördern gilt. Und ich bin froh über jeden, der den allgemeinen Gesetzen mißtraut; es gibt doch in uns ein Etwas, das wir „Ritterlichkeit des Herzens“ nennen könnten. In diese Ritterlichkeit sind alle ungeschriebenen Forderungen hineingeschmiedet, die ein Untergehen im Gemeinen und Häßlichen unmöglich machen. Das Schönste bleibt ja doch, daß ein Mensch dem möglichst nahekomme, was er werden könnte im Sinne einer Höherentwickelung. Um die aber zu erreichen, darf er Umwege, und seien sie auch Irrwege, nicht ängstlich scheuen. Ja, er hat nicht nur das Recht, er hat sogar die Pflicht, alles zu wagen, um zu sich selbst hinauf zu wachsen. Wohl legt solch Ringen Lebens- und Todesangst auf; denn wie großartig sich ein Mensch auch nach außen gebärde, seines winzigen Ichs quälende Nöte kann er vor sich selbst doch nicht verleugnen.

Einst, es ist noch gar nicht lange her, nannte ein Freund mein Herz „weise“. Ich glaube, damals gab es ein paar Minuten, in denen ich mich über diesen Wahn freute. Weit, weit fort hast Du, Geliebter, diese meines Herzens vermeintliche Weisheit getragen; federleicht muß sie gewesen sein.