Glaube nicht, Roland, ich gehe, weil ich Dir entsagen will. Nein, ich gehe, ehe die gesteigerte Seelenatmosphäre, die ein wundersames Gefühl uns bescherte, und die jedes Denken an einander in jauchzendes Singen wandelte, von Mißklängen zerrissen sein könnte. Ich gehe, weil es der Aufstieg ist, der uns für immer einen kann.

Kein Schatten soll je das helle Licht zwischen uns trüben, nie soll des Werktags Gewalt unser Gefühl für einander gefährden; nie sollen der Gewohnheit graue Schleier zwischen uns wehen.

„Wen die Götter lieben, den lassen sie jung sterben.“ Ist es nicht das Gleiche, wenn Liebe nicht erst der Gewalttätigkeit und der Not des Alterns ausgesetzt wird? Denn auch Liebe altert und ist meist derselben Verarmung untertan, wie körperliches Verblühen; nur Auserwählten, Seltenen mag ein anderes Schicksal bestimmt sein. Ich fürchte das Erwachen aus dem Zustande des Verzaubertseins.

[ Später.]

Heute sehe ich in meinem Verschwinden eine zwingende Notwendigkeit, aber nicht immer werde ich fähig sein, mir diesen Schwerthieb zu deuten. Heute fühle ich trotz Qual und Entsetzen, daß er nur das durchschneidet, was sterblich zwischen uns ist, daß er die unzerreißbaren Zusammenhänge nicht treffen kann. Heute glaube ich hellsehend zu sein; schon in einer Woche könnte ich mich betrügen und all dieses für einen Anfall von Schwermut halten, der glücklich überwunden ist. Nein, schnell muß ich handeln, auch wenn ich inmitten meiner raschen Reisevorbereitungen wieder und wieder plötzlich nur an „zerstörende Sinnlosigkeit“ denke.

Roland, Geliebter, nie sollst Du genötigt werden, vor mir eine Maske anzulegen.

Noch kannst Du nicht wissen, ob nicht auch Du zu den ewig Wandernden gehörst. Die Schwelle in das Land, das besonders reich an romantischen Täuschungen ist, überschrittest Du ja erst jetzt. Sonnigen Träumern gewährt es am liebsten Obdach. Und freien.

Wir werden beide auf bewegten Meeren bleiben, aber wir werden erstarken, wenn unser Fühlen, unser Geist nicht mehr wie überfeine Instrumente durch den leisesten Seelenhauch des Geliebten in Schwingung geraten. Suche Dir allein jetzt ein Königtum, das von ewiger Dauer ist. Kein rasches Entblättern bedrohe die Blumen, die in ihm erblühen. Es muß erfüllt sein von einer Qual, einer Liebe, einer Sehnsucht, die mehr verlangen als einen Menschen. In diese Qual, diese Liebe, diese Sehnsucht werde ich heimkehren.

Ich kann mein Ich nicht ersticken lassen, muß ursprünglich und aufrichtig bleiben, muß auf meine Weise an unserer Vollendung — die ja doch nur Stückwerk bleibt — arbeiten, muß uns vor Anklagen und Beschuldigungen bewahren.

Aber all diese flüchtig und in wirrem Durcheinander niedergeschriebenen Worte werden Dich nicht überzeugen. Doch das gehörte ja zu dem Schönsten zwischen uns, daß Du meine Beweggründe stets achtetest, auch wenn sie nicht im Einklang mit Deinem Empfinden standen. Vor Dir habe ich nie nötig, mich zu verteidigen; welch eine herrliche Gewißheit! Anfangs wirst Du zu verzweifeln glauben, wirst grausam leiden, aber Du wirst nicht zu ermitteln versuchen, ob Du mich in Christiania oder in Athen finden könntest. Ach, daß man sich im Leben immer, wenn auch in friedlicher Form, zu verteidigen hat! Unsere Ideale — gleichgültig, ob wir uns öffentlich zu ihnen bekennen oder nicht — bilden genau einen Teil unseres Selbst, wie äußerliche Vorzüge oder Fehler. Sie ewig zu entschuldigen, ist das Gleiche, als wolle man sich wegen der Farbe seiner Haare, oder wegen der Kleinheit oder Länge seiner Gestalt verteidigen.