[ Vier Wochen später.]

Meine Gedanken beginnen ins Leben zurück zu wandern — — —

Wohl weiß ich: Zur Erkenntnis gehört ein bestimmter Abstand. Ist man seinen Erlebnissen noch zu nahe, so überwiegt das Einzelne so sehr, daß das Ganze nicht zu überschauen ist. Die Tragweite und der wahre Gehalt eigener Freude und eigener Leiden sind — besonders in unmittelbarer Nähe — nicht richtig einzuschätzen. Gewiß, gewiß, nie sind wir dem Irrtum mehr ausgesetzt, als in Augenblicken, in denen wir eine neue Erfahrung erleben. Habe ich denn aber in den letzten Wochen eine neue Erfahrung erlebt? Wohl kaum. Doch wie immer es sei, Roland, es gibt Entschlüsse, die im Zustande der Exstase gefaßt werden müssen, sonst faßt man sie nie. —

Seit acht Tagen bist Du wichtiger Besprechungen halber abwesend; ich habe Ruhe gehabt, unbeirrt von Deinem Blick, von Deiner Nähe über die reiche Festzeit nachzudenken, die wir miteinander Monate hindurch erleben durften.

Jeden unserer Briefe las ich gestern nochmals durch; Dein Schreibtisch ist ja längst für mich geöffnet. Scheu berührte ich jedes Blatt. Während dann meine Blicke über die Seiten dahinglitten — hier auf dem Platze, auf dem Du so oft meine Hand streicheltest — in diesem Zimmer, das Du infolge der für Dich nun umgewandelten Welt seltener und oft nur flüchtig während der letzten Zeit betratest, erstarkte in mir die Vorstellung (könnte ich vielleicht auch sagen — der Wahn?) uns vor der Tragödie der Entzauberung retten zu müssen.

Ich weiß nicht, wann dieser Gedanke zuerst Besitz von mir zu ergreifen versuchte. Vielleicht bildete ich mir nur ein, Deine große Liebe habe all meine einstigen Theorien gänzlich umzuwerfen vermocht, vielleicht sind sie nie aus meinem Unterbewußtsein gewichen, vielleicht überbrauste sie nur der sich steigernde Glaube an die Möglichkeit eines Besitzes, welcher ein Leben ganz auszufüllen vermag. Ich vergaß, daß es keinen Besitz gibt, dessen wir mächtig sind. Nun ist’s mir wieder eingefallen, ohne Bitterkeit, ohne Erschrecken, ohne die Absicht, irgend jemanden zur Rechenschaft dafür ziehen zu wollen. Am wenigsten Dich, geliebter Junge.

Nichts ist jetzt notwendig als ein festes Herz. Seltsam, welche Fülle von Forderungen wir gerade an diesen kleinen Muskel stellen, den wir unser Herz nennen. Größe soll ihm eigen sein, Treue, Weisheit, Stärke, Heiterkeit, Güte, Sanftmut; alles — je nach Bedarf.

An mir ist es, unser großes Gefühl vor dem Prozeß des Alterns zu retten. Solche Rettung kann nicht teuer genug bezahlt werden.

Noch umflutet uns ein Meer von Liebe, dessen Verfließen Dir unmöglich dünkt, aber Verhältnisse können nicht ausbleiben, die uns quälen müssen. Ich will Dich nie in Konflikte treiben. Heute noch bist Du fest davon überzeugt, daß Du nur einmal so lieben kannst, wie Du mich liebst; aber anders wirst Du lieben können, anders. Deine Kunst wird dazu beitragen, daß Dich dieses „anders“ rascher überfällt, als Du es für möglich hältst.

Sollte ich Dich nun für ewig beanspruchen, Dir immer fest zur Seite bleiben wollen, weil ich die erste Frau bin, die in Dein Leben eingriff, weil Dein Talent der Liebe zu mir entstieg?