Noch war der Druck besonders schwerer Stunden, die ich gerade durchkämpft hatte, nicht von mir gewichen, und doch konnte mich schon seltsam freudig der Wunsch ergreifen, mit Dir, dem Fremden, allein unter einer Kirchenwölbung zu stehen oder in Waldeseinsamkeit auf kühlen, blütenreichen Wegen dahinzuschreiten. Seit Jahren kaum noch empfundene Verlegenheit ergriff mich. Ich belächelte mich, aber — ich ging nicht weiter zu anderen Freunden. „Besuchen Sie mich,“ sagte ich gelassen und sorglos.
In der Sekunde warst Du, Roland, mir ein Ziel geworden, — wieder einmal zwang es mich, Menschenbildner werden zu wollen. Mit welchem Ergebnis?
Nimmer konnte ich diese seelischen Wandlungen, diese Beschleunigung unserer Pulse, all diese göttliche Schönheit voraussehen. —
— Ich werde nun doch heute „unser“ Kleid anlegen, in dessen schimmerndem Samt ich Dir an jenem ersten Abend begegnet bin. Deine zwei Nelken durchhauchen mein Zimmer. Du hast wie ein erfahrener Ritter gewählt; ihre rosig überhauchte Blässe eint sich herrlich der Fliederfarbe meines Gewandes. Deine Verse aber, die eben mit den Blumen abgegeben wurden, werde ich in dieser zerfahrenen Erregtheit nicht lesen; sie sollen mich heute Nacht empfangen.
Der Morgen steigt herauf, aber ich versuchte nicht mehr, mich niederzulegen. Wieder und wieder schaue ich auf Deine Verse; wieder und wieder beglückt — erschüttert — beunruhigt mich Dein Lied. Lausche in Dich hinein, Roland. Ist es nicht vielleicht schon aus dem Glück einer neuen Erwartung geboren?
Vor einer Stunde begleitetest Du mich nach Hause; im Kreise Deiner Mitarbeiter haben wir das Ereignis mitfeiern müssen. Wird die Presse uns auch erst morgen sagen, worin der Autor sich vergriffen hat, was von ihm in Zukunft zu erwarten, in welcher Rubrik er zu bringen ist, selbst die ungünstigste Besprechung kann nicht die Tatsache einer starken Teilnahme der Hörer aus der Welt schaffen.
Auf ein so atemloses Mitempfinden des Publikums habe ich nicht gerechnet. Ist ja immer noch die Loslösung einer Frau von sittlich „feststehenden“ Grundsätzen nicht gerade ein anziehendes Thema. Hätte ich auch nichts auf Dich übertragen als den Mut, Dich von all jenem Ballast zu befreien, der am schwersten auf werdenden Menschen lastet, so bliebest Du doch mein Erbe. Ich habe sicher nur den Zündstoff zwischen gegebenen Zuständen und notwendigem Revoltieren gelegt. Du warst eben viel reicher als Du ahntest. Dir, wie so vielen, drohte ein Steckenbleiben, fern Deiner vorbestimmten Entwicklungsbahn. Menschen, die sich der Berechtigung ihrer angeborenen Eigenart früh bewußt werden, sind ja so selten. Nie habe ich mich planvoll durch Hindernisse winden müssen; nicht etwa, weil keine Hindernisse vor meinen Füßen lagen, sondern nur weil mein Blick ausreichte, das Wesentliche meines Ichs zu erkennen, und in mir Kraft genug war, dieses Wesentliche zu entwickeln, ohne in egoistische Kälte hineinzugleiten. Der Meisten tastendes Suchen beirrt immer wieder geheime Verzweiflung. Sie wollen vorher mit zuverlässiger Sicherheit wissen, wann sie fehl gehen könnten, und wann es ihr gutes Recht ist, auf eigne Art „Mensch“ zu werden. Ohne Verletzungen möchten sie hinaus und hinauf. Krisen erschrecken sie.
Für alle Zeit trägst Du nun ein starkes Lebensempfinden in Dir, und wie immer Deine äußere Bahn sich gestalte, nie wirst Du in Deinem Werke und in Deinem Wesen die Schönheit des großen Fühlens verleugnen.
Ich muß mich nun doch endlich niederlegen und zu schlafen versuchen, die Nerven könnten rebellieren.