Freitag. Noch vierundzwanzig Stunden! Roland, ich habe richtige Examensangst; Herzklopfen wie ein Schulmädchen. Und weshalb? Nur weil sich morgen der Vorhang vor Deinem Stück heben wird. Dabei wiederhole ich mir immer wieder: Was bedeutete es, wenn es durchfiele? Deshalb bist Du doch „etwas“; deshalb berechtigt Dein Talent doch zu besonderen Erwartungen. Du wirst nicht leicht zu entmutigen sein, auch wenn die Presse Dich dies erste Mal ablehnt. Wie immer die Würfel fallen, meinen Glauben hast Du nötig; denn auf wechselnde Stationen mußt Du Dich nun gefaßt machen: vor den ersten toten Zeiten in Deinem künstlerischen Schaffen wirst Du Dich entsetzen, vor gänzlichem Versanden zittern; Du wirst dann nicht hoffen, daß sich je wieder in Dir etwas regen könne. Mehr als je wirst Du mich brauchen, meine Erfahrung, meinen nie zu erschütternden Glauben. Das ist ja noch kein Glaube, der nicht immer über einem Schaffenden schimmert, wie ein ewiges Licht, welches nie verlöschen darf. —

In diesem plötzlichen Aufstieg liegen sicher Gefahren, wenn auch ganz andere wie in stets vergeblichen Versuchen. Nennen sie Dich nach der ersten Aufführung „eine Hoffnung“, so wirst Du beim zweiten Stück diese Hoffnung „nicht erfüllt“ haben. Hob Dich Dein erster Schritt in die Oeffentlichkeit gleich auf eine ansehnliche Höhe, so verzeichnet man beim folgenden sicher „keinen Fortschritt“. —

Auch heute können wir uns nicht sehen; morgen nur in der Unruhe vor der Aufführung. Eigentlich bist Du, mein Junge, mir halb verloren; der, welcher mich nun liebt, ist zwar jener Roland, den ich ahnte, aber ich bin nicht mehr allein für ihn die Welt, in der er lebt.

Um die Stunden bis zum morgigen Abend schneller hinzubringen — ich selbst bin nicht imstande, ruhig zu arbeiten — habe ich gestern einen alten Freund zu mir gebeten, von dem mich die Erlebnisse der letzten Monate entfernten, ohne uns trennen zu können. Daß ich Dich, Geliebter, allen bisher „unterschlagen“ habe, gewährt mir nun ein besonders fröhliches Empfinden. Ich fürchtete sicher keine Gefahr Deiner Gefühle für mich. Nur allein die Vorstellung, jemanden, der in mein Leben einzugreifen beginnt, von kritischen Blicken gemessen zu wissen, erscheint mir immer — so überspannt es auch klingen mag — wie Lästerung. Ich mag meine Freunde nicht „zur Diskussion gestellt“ wissen. Immer wundern sich ja doch die Anderen; für die meisten ist das Unsichtbare, das Menschen zusammentreiben kann, nicht vorhanden; in unwägbare Werte versenken sie sich nicht. Und nun gar in einem so schwierigen Fall, wie dem zwischen einer älteren Frau und einem jungen, viel zu jungen Menschen. Kopfschüttelnd würde „man“ festgestellt haben: „Unbegreiflich! Wer hätte das erwartet? Ueberraschendes konnte man ihr wohl zutrauen, aber daß sie so kurzsichtig sein könne, so befangen, so blind? Was ist denn der Mensch? Was kann er? Wie alt schätzen Sie ihn? Liebe muß da doch völlig ausgeschlossen sein.“

Ja, ausgeschlossen, Roland! Habe ich selbst das nicht gemeint; war ich nicht auch dessen sicher?

[ Am Sonnabend Nachmittag.]

Wir sind zusammen auf der Generalprobe gewesen. Ein Schauspieler hielt mich für Deine Mutter. Ich erschrak; an die Möglichkeit habe ich nie gedacht. Aber niemals werde ich eine andere Jugend festhalten wollen, als die des Geistes — die soll ewig währen. Mit Farbe und Schminktopf erreicht eine Frau selten mehr als sich selbst möglichst lange äußere Jugendlichkeit vorzutäuschen, es sei denn, sie habe sich durch fast ausschließliche Vertiefung in dieser Art der Malerei Meisterschaft erworben. Jene Anrede wirkte im Augenblick, besonders durch Deine Gegenwart, sehr quälend. Wäre nur Eitelkeit die Ursache des Peinigenden, so hielte ich mich für ein Gänschen in landläufigem Sinne, und ich selbst wüßte jenes reißende Wehgefühl nicht in Einklang mit dem Grundton meines Wesens zu bringen. Doch die Minute, in der das: „ich freue mich, — Ihre Frau Mutter“ — vernehmbar war, genügte, um die Frage in mir wieder aufzuschrecken, ob ich mehr als ein kurzes, starkes Erlebnis in Deinem Leben sein darf? Monatelang hat diese Frage fast geschlafen. Ich wähnte uns über trennende Sitten, über Einflußmöglichkeiten, deren Wirkungen auch die tiefste Liebe nicht aus der Welt bannt, erhaben.

Heute zeigte mir die Wirklichkeit kraß ihr Angesicht. Seltsam, daß wir uns solange einbilden, nichts nach dem Urteil der Welt zu fragen, bis irgend ein Ungefähr uns jäh das Gegenteil beweist. Ein Unterschied bleibt zwar: Ich brauche Minuten, mich wieder zurecht zu finden, während viele sich Wochen oder Monate von einem Angriff oder Ueberfall vergällen lassen.

Wie konnte ich nur vollständig vergessen, daß die still wandelnde Zeit sich immer — ich denke im Augenblick nur an äußerliche Veränderungen — gebieterisch geltend machen muß. An andere Gefährdungen will ich jetzt nicht denken. Die beseligende Uebereinstimmung in uns kann nicht erschüttert werden. Und heute dulde ich in mir am wenigsten trübe Gedanken.

Wie lange ist es denn her, daß ich Dich fand; ich meine, daß ich Dich zwischen den Vielen schweigend und ungelenk stehen sah? Damals bildete ich mir ein, in Deinen Augen etwas zu entdecken, das mehr verriet, als Deine scheue Haltung vermuten ließ. Traurigkeit beschattete Dich, die gar nicht in Einklang mit Deiner blühenden Jugend zu bringen war. Deine schlanke, nervige Gestalt überragte die Meisten, und doch erschienst Du keinem beachtenswert; nur mir strömte ein schwaches Fluidum entgegen, schwach und doch stark genug, mich zu Dir zu ziehen. Plötzlich stand ich neben Dir, sprach einige gleichgültige Worte und freute mich, daß nichts in Deiner Stimme war, was mich störte. Sogleich empfand ich, Du hattest Dich nicht in meine Nähe gewagt, und es wäre mir doch viel sympathischer gewesen, von Dir weniger „hochgestellt“ zu werden.