Wohin war alle Erdenschwere entflohen? Bin ich je sturmdurchwühlt gewesen, von Unruhe zerquält, von Zweifeln gemartert? „Da fing mein Leben an, als ich Dich liebte.“
Ja, ja, so muß man das Leben behandeln: es belächeln, stolz und königlich ihm begegnen — sich nicht sklavisch vor ihm winden — nicht in törichtem Grübeln Kräfte vergeuden.
Eine stille Mondnacht floß durch die weiten Fenster zu uns herein, aber wir brauchten mehr Luft. „Komm,“ sagtest Du, sonst nichts. Wir stiegen die Treppen hinab und wanderten auf dem silbernen Mondstreifen dahin, der wie ein schmaler Teppich vor unseren Füßen flimmerte.
Konnte der Traum von dem, was das Leben nie zu gewähren scheint, dennoch Erfüllung geworden sein? Lautlos umfing uns der Wald. Wir hatten zu sprechen aufgehört. Ich vernahm nichts als den Gesang meines Herzens. Erst Deine Worte unterbrachen die Stille: Am folgenden Nachmittage würden wir uns zum ersten Male nicht sehen können. Die wenigen Stunden nach Schluß Deiner Bureauarbeit mußten für wichtige Besprechungen, für entscheidende kleine Aenderungen an Deinem Stück genützt werden; all das war selbstverständlich, aber etwas kann zwar selbstverständlich erscheinen, und doch — wehe tun. „Es ist Zeit heimzugehen,“ sagte ich. Meine Stimme kam mir in diesem Augenblick verändert vor. Ich fröstelte. Ein Landmann, der zur nahen Stadt mußte, trug seine Laterne in der Hand; ihr winziges Flämmchen schwebte uns entgegen. Sicher wollte er zum frühen Markt. Da erinnerte ich mich, daß das Leben weiterging. Wir sprachen wieder mit Erregtheit von Deinem Stück, von all den neuen Aussichten, die seine Annahme eröffnete.
Roland, Roland! Am nächsten Sonnabend findet also schon die Aufführung statt! Seit Wochen gelten all unsere Gespräche diesem Ereignis. Wir können an nichts denken außer an Schauspieler, Proben, Kritik, Regie, Wirkung auf ein Publikum oder an ähnliches. Du hältst Dich für alle Fälle gewappnet. Mir scheint, für Niederlagen ist man nie genügend oder richtig gewappnet, aber trotzdem — so oft Du jetzt von „verblödetem Publikum“, von „nichtssagender Presse“ sprichst, steht Dir auch das. Oft sehe ich Dich, Du weißt es ja, nur stumm staunend an.
In den Tiefen Deiner Seele, in Deinem großen Gefühl für mich kann sich nichts verändert haben, nur die stillen Pfade, auf denen wir dahin wandelten, sind bevölkert.
Der Zufall oder das Glück haben Dich aber auch fast beängstigend rasch in die Höhe geschnellt. Zwar ist noch nichts entschieden, jedoch allein die Möglichkeit, einem Publikum Dein Können vorzuführen, bedeutet ja schon unabwägbar viel. Ein so unwahrscheinliches Zusammentreffen, wie Du es erlebtest, würde sicher in einem Roman belächelt werden, während doch die Wirklichkeit oft genug die tollsten Sprünge vollführt: ein bescheidener Bankbeamter, der nur Interesse an seinen Büchern zu haben scheint, arbeitet neben einem jungen Menschen, dessen Onkel Dramaturg an einem ersten Theater ist. Wie haben wir gelacht, als Du des Kollegen „Aufschneiderei“ erwähntest. Aber man konnte ihm ja „unser“ Stück anvertrauen. Wir sind gar nicht erwartungsvoll gewesen. Unsere fieberhafte Unruhe entsprang anderen Gründen, ganz anderen; sie lagen weit ab vom Theater.
Schon nach acht Tagen kam die Einladung ins Büro der Direktion.