Nie möchte ich in alltäglichem Sinne mit Dir verbunden sein; nur das Vollkommenste meines Wesens darf Dich berühren, immer sollst Du mir heilig bleiben.
Maria, Maria, fängt das Leben schon an, mich in ein Chaos zu stürzen, in dem es von ewigen Widersprüchen gärt?
Roland.
Roland, mein Junge, noch weiß ich nicht, wann ich die Briefe, die ich nun schreibe, an Dich abschicke, weiß nicht, ob diese Gedanken, die immer ein sinnendes Sprechen mit Dir sind, überhaupt Briefe zu nennen sein werden. Aber jetzt, nachdem das tägliche Schreiben an Dich aufhören mußte, weil mein Brief nicht mehr die Post für Dich sein kann, zwingt mich dennoch ein Etwas, Dir — fast möchte ich sagen „Rechenschaft“ abzulegen von all dem wundersamen Durcheinanderwogen der Welt in mir.
Briefe, wie wir sie einander schrieben, verlieren in dem Augenblick ihre Daseinsberechtigung, in welchem sie nicht mehr klopfenden Herzens erwartet werden. In Dein Leben trat unerwartet rasch so viel Zeit und Sammlung heischende Wirklichkeit, — wir nennen das alles nun ja Dein Glück —, daß ich kaum die Empfindung bannen kann: „Sollte es für mich nicht doch schwer sein dürfen, für dieses Glück Opfer zu bringen?“.
Während ich jetzt schreibe, lebe ich all unsere aufregenden Augenblicke noch einmal durch.
Also: Hundertmal hatte man es sich wiederholt: „es ist ja ganz egal, ob es aufgeführt wird“, und dann — freute man sich trotz dieser Versicherung so unverhältnismäßig, dann benahm man sich wie ein ganz gewöhnlicher Mitbürger, der in der Lotterie gewann. So toll hat kaum je einer an meiner Klingel gerissen wie Du, so jubelnd mich nie jemand an sich gezogen. Wort für Wort habe ich es dann vernommen: „Haben Sie tatsächlich früher nie ein Stück geschrieben?“ „Sie müssen sich aber verpflichten, all Ihre weiteren Werke zuerst unserer Bühne einzureichen.“ In buntem Durcheinander hast Du berichtet und dabei meine Hände gestreichelt.
War das unser schönster Abend, Roland? Nein, viele Stunden vor diesem waren erfüllt von Klang und Reichtum, aber jener Abend hatte einen besonderen Glanz. Ich dünkte mich wie eine Göttin, (gewiß ein törichter, ein alltäglicher Vergleich), deren Seele vor Monaten leuchtende Strahlen in Dich flutete, Strahlen, die nicht, wie es das Schicksal fast alles Strahlenden ist, erlöschen konnten, sondern aus denen Dein Schaffen geboren wurde.
Auch ohne Sekt wären wir berauscht gewesen, aber wir hatten beide die kindliche Vorstellung, irgend etwas müsse äußerlich zur Feier mitdienen. Von keinen Schwierigkeiten haben wir mehr gewußt; wir gaben uns ganz einem Zauber hin, dem wir uns nicht zu entreißen vermochten. Auch mein Blut begann zu singen. In Deinen Augen brannte Liebe, nur Liebe. Wir wußten von keinem Theater mehr. Du erzähltest mir eine Geschichte, die ich kannte, und die zu hören ich nie müde wurde: die Geschichte vom Beginn unserer Liebe. Jeden Datums entsannst Du Dich, jedes erhöhenden Augenblicks. Erwartungsvoll fragte ich wie ein lauschendes Kind in jeder Pause: „Und weiter?“ — —