Ihrer Mutter.

[ Roland an Maria.]

Liebe Frau Maria, doch, ich habe Mut. Wie immer es auch kommen mag! Sie lächeln: „Kommen mag?“ Was sollte zwischen Ihnen und mir, der immer nur Einer zwischen Vielen war, kommen? Nichts an mir berechtigte je zu besonderen Hoffnungen, eher wohl zu besonderen Sorgen. Da waren meine fünf Brüder ganz andere Kerle, begabt und draufgängerisch. Die erste Tat in meinem ganzen Leben ist der Besuch bei Ihnen gewesen; ja, Tat muß ich es nennen. Unbeirrbar, ohne Zögern nahm ich den Weg, der an Ihre Schwelle führte. Jeden Tag bin ich wiedergekommen, bewußt wiedergekommen, weil ich entschlossen bin, meine Seligkeit festzuhalten; Seligkeit, auch wenn sie mich vernichtet.

Immer kann ich noch bis drei Uhr der schweigsame Bankbuchhalter sein, genau bis drei Uhr. Aber dann? Sagen Sie, was bin ich dann?

Oberflächlich, nur ganz oberflächlich, möchte ich Ihnen doch endlich schnell etwas von meinem Werdegang, der nie ein richtiger Werdegang wurde, sagen. Die Stunde neben Ihnen ist zu schade, Sie von der einzigen Kunst zu unterrichten, die ich bisher verstand, von der: klein zu bleiben. —

Meine Eltern sind froh gewesen, als ich mit dem Reifezeugnis nach Hause kam. Ohne dieses Zeugnis hätte mein Vater mir unter keiner Bedingung irgend welche Lebenstüchtigkeit zugetraut. Alles, was nicht zu der Reife gehörte, machte einen Jungen in unserer kleinen Stadt lächerlich und mußte im Geheimen betrieben werden. So wurde jeder Gedanke in glatte Alltagsbahnen gepreßt. Niemand um mich sprach Silben, die nicht deutlich, fest und bestimmt ausdrückten, was sie ausdrücken sollten. Kein Wort hörte ich, das zu den Sternen wollte. Ich wurde nicht bleich, nicht schwermütig, — nur alltäglich.

Das Gefürchtetste bei uns bestand darin, sich irgendwie hervorzutun. Dazu genügte schon ein Hut, welcher anders war, als die Hüte der Mehrzahl; überhaupt hatten wir immer nur wie die Mehrzahl zu sein. Ausnahmegesetze erkannte mein Vater nicht an. Nie hat, so sehe ich es jetzt, ein frischer Wind durch unsere kleine Stadt geweht, der ihre heilige Ordnung hätte bedrohen können. Unantastbar blieb der Glaube an die Autorität, besonders an die Autorität der Gesellschaft. Mir fehlte, — Bismarck rügte es treffend an fast all seinen Zeitgenossen: Zivilcourage. In den wenigen Monaten hier habe ich endlich erkannt, daß in der Wissenschaft, in der Kunst der sehr viel weniger gilt, der Besonderes zuerst sagte, als der, welcher sich als Erster mutig Gehör zu schaffen verstand, und so weiß ich nicht mehr mit Bestimmtheit, ob sich unter meiner Gebundenheit nicht doch etwas regen könnte, das mich wenigstens, — verstehen Sie dieses „wenigstens“ nicht falsch — Ihnen näher bringen könnte. —

„Zivilcourage“ rufe ich mir also zu und berichte weiter: Verse, die ich heimlich, als ich noch zur Schule ging, mit Leidenschaft niederschrieb, hatten meinen Ruf nicht einwandfrei gemacht. Ich sollte ein Schwärmer sein, ein Träumer, war vielleicht schon auf denselben Abwegen wie mein Großvater, der — Mutter vertraute es mir feierlich und warnend und weinend an — hinterm Zaum auf der Landstraße zugrunde gegangen ist. Immer wurde mir der Großvater als warnendes Beispiel vorgeführt, nie aber erfuhr ich deutlich, worin seine Laster eigentlich bestanden haben. — Zwei Tage hindurch wagte ich einmal einen geschlungenen Künstlerschlips zu tragen. Das Halloh, mit dem mich Groß und Klein anbrüllte, ließ mehr als nur den Schlips verschwinden; es duckte mich klaftertief. — Bis zum Tode meines Vaters blieb ich in unserer Kleinstadt, in der Mühle, die langsam das zerrieb, aus dem ich, wäre man barmherziger damit verfahren, vielleicht ein wirkliches Leben hätte formen können. — Hier die wenigen Monate duldeten bisher kein Umschauen. Ich habe mich zu ernähren, habe mich Aufgaben zu widmen, die, weiß der Himmel, nicht großartige sind. —

Vielleicht sahen Sie, als Sie mich vor zwei Wochen Ihrer Beachtung würdigten, den Früheren in mir, den Anderen, nicht nur den simplen Bankbuchhalter. —

Ich soll jung sein, meinen die Leute; auch Sie sagten es, Frau Maria; also müßte es wahr sein. Aber sind Sie nicht viel jünger? Sie haben sich Ihren Glauben an alles Hohe, Ihre Begeisterung für alles Schöne durch ein gewiß nicht leichtes Leben bewahrt. Wie konnten Sie das? Ich dagegen? Vielleicht bin ich nie jung gewesen, nie so jung, wie Sie heute, wenngleich es mir jetzt so leicht erscheint, mit Ihnen die Fahrt ins Jugendland zu beginnen. Nein, ich begann diese Fahrt nie; gleich die erste Stunde allein neben Ihnen, Frau Maria, in Ihrem Heim, erweckte in mir den Wahn, Kühnheit habe von jeher auch mich ausgezeichnet. So selbstverständlich wird durch Ihre Nähe alles gesteigert.