Sie werden zu verstehen versuchen, wie es gekommen ist, daß ich mich so früh mit einem ungelebten Leben abfand. Vererbung, Erziehung, Lebensumstände mögen die Sklavenhalter gewesen sein, die gelassen zu Tode peitschen wollten, was nicht stark genug in mir war, sich jubelnd aus der kläglichen Gebundenheit zu befreien. Noch kann ich nicht erkennen, wohin mich die Befreiung führen soll, ob sie erheben oder vernichten will; jetzt aber, in diesen leuchtenden Tagen, erfüllt sie mich mit nie gekannter Freude.

Sie wünschen keine Liebe, Frau Maria; die meine ist bereits zu groß, um sie Ihnen verheimlichen zu können. Sie sind so oft in Ihrem Leben geliebt worden, Sie haben so oft selbst geliebt, daß Sie ein Gefühl nicht erschrecken wird, von dessen Sterblichkeit Sie, wie Sie mir versicherten, überzeugt sind. Ich muß Ihnen glauben; denn ich kannte Liebe nicht. Mir aber bleibt dieses Gefühl für Sie das Wunder, von dem ich weiß, daß es mich zu großen Taten befähigen muß. Welcher Art diese Taten sein können, — in wie hohem Grade überflüssig für die Welt, und wie zwingend ihre Ausübung für mich, — wir wollen es nicht zu ergrübeln versuchen. Lassen Sie dieses „wir“ gelten; denn, Frau Maria, mögen Sie auch getreu Ihrer Auffassung von Liebe und Freundschaft und Neubelebung nicht gerade neben mir zu ungewohnt langem Harren gezwungen werden: zu früh dürfen Sie Ihren Jünger nicht zum Alleinweiterwandern verurteilen. Nein, das können Sie nicht, auch wenn Sie es wollten.

Viele Briefe werde ich Ihnen noch schreiben dürfen, viele noch von Ihnen empfangen, und die Tür zu Ihrem Zimmer wird sich mir lange noch täglich für eine Abendstunde öffnen. —

Entdeckte ich doch eine schönere Ausdrucksform für das zitternde Empfinden, das mich, seitdem ich nur an Sie zu denken vermag, durchströmt! Diese eckigen, armseligen Worte mißfallen mir gründlich.

Viel tausend Grüße sendet Ihnen

Ihr törichter Junge Roland.

[ Maria an Roland.]

Roland, langsam, wie werdender Frühling, vollzieht sich oft die Vereinigung von Seelen, aber das Schicksal jagt auch Menschen so rasch zueinander, wie zwei Blätter, die der Sturm von entfernten Bäumen riß, um sie dann in dieselbe winzige Erdfurche zu wehen, auf ein so kleines Fleckchen Erde, als sei nirgends sonst Raum gerade für diese beiden. Wir sind wohl dem letzten Tempo untertan. Wir! Verstehen Sie nur dieses „wir“ nicht falsch. Sehen Sie es nicht als ewig Bindendes an; immer wieder möchte ich es Ihnen wiederholen. Zwar sagten Sie mir: „Auch die Schmerzen, die mir durch Sie kommen, will ich segnen.“ Aber, großes Kind, Schmerzen sind schwer, ach, sehr schwer zu segnen. Deshalb erinnere ich wieder und wieder an mein erstes Warnen und an — meine Jahre. Trotzdem kann ich nicht das „wir“ streichen, gehören ja auch Sie zu jener kleinen Schar, für die das Dasein anders gefärbt ist, wie für jene, die in die Welt passen, wie für die Urgesunden, die unserem feinsten Fühlen fremd und überlegen lächelnd gegenüberstehen. Aus der Vereinzelung will ich Sie erlösen, die Einsamkeit für Sie fruchtbar machen. Mehr will ich nicht. Glauben Sie mir, immer wird es Menschen geben, die sich wie durch graue Fluten bewegen. Musik erfüllt sie, doch sie empfinden sie wie Dissonanzen. Harmonien erklingen ihnen kaum, weil sie tastend vor allem zurückweichen, was so anders, so ganz anders in ihnen schluchzt und klagt und frohlockt, als das Glück der Vielen. Und aus der Entsagung, die sich langsam in sie schleicht, wird Erstarrung oder Verbitterung. Sie wissen nichts von Leidensgenossen; sie kennen nicht sich selbst oder nur sich selbst. All ihr schmerzliches Fragen verhallt ins Leere, bis ein Wunder geschieht: Eine Seele erschließt sich der ihren. Dann aber werden aus allen verirrten Klängen köstliche Melodien. Die grauen Flächen um sie verwandeln sich in schimmernde Fluten. Brennende Blutwellen steigen in ihnen empor, röten ihre Wangen, stiller Jubel umfängt sie, ein Fremdes durchdringt sie, von dem sie nicht wissen, ist es Schmerz oder Wonne. In Dämmerferne tauchen für sie lichte Türme empor. —

Lieber Junge, ähnlich einem Windhauch, der über stilles Wasser streicht, so möchte ich zu Ihnen gekommen sein, oder wie ein Silberschein, der über dunklem Gebirge schimmert. Schließen Sie die Augen, und erkennen Sie, wovon wir leben in all dem Geräusch von Komödien jeglicher Art.

Maria.