Teure Frau Maria, ich kann es nicht mehr ändern, daß mein ganzes Sein Ihnen gehört, in jeder Minute, in jeder Regung, in jedem Empfinden. Nur das schwingt in mir weiter, was mit Ihnen im Zusammenhang steht; Sie nur kann ich fühlen, nur die Wärme, die Ihre Seele ausströmt und entfacht.
Sie sind, während ich fern von Ihnen bin, mit so vielen Menschen zusammen, und mit allen sind Sie gütig, und Ihre Stimme klingt mit jenen kaum anders als mit mir. Ich aber habe nur Sie, Maria. Sie wissen ja nicht, was es in sich schließt, dieses: „nur Sie“, was es bedeutet, nur einen einzigen Menschen zu haben. Ihre Stimme ist die erste menschliche Stimme gewesen, die ich in meinem Alleinsein je vernommen habe: Verschollene Möglichkeiten aus den Tagen meiner Kindheit richten sich auf, Möglichkeiten, die meinem Gedächtnis vollständig entschwunden waren. Wollte auch ich einst großen Zielen zuwandern, und konnte doch so rasch am Wege zusammenbrechen? Heute ist mir jeder Nerv kraftgestählt. Sie haben diese Kraft geweckt, also sind Sie es, die mich geschaffen hat. Ist es nicht natürlich, daß am Anfang das Geschöpf nur von seinem Schöpfer weiß?
Frau Maria, erkennen Sie in mir Ihren Schüler; denn wie käme mir sonst dieses „am Anfang“ in den Sinn, mir, dem allein die Vorstellung an einen Wandel Lästerung dünken müßte? Der erste Beweis meines Werdens kann nichts als — Auflehnung sein. Genügt Ihnen die Probe? Mögen Sie es hundertmal verneinen: es muß eine Liebe geben, für die es kein „am Anfang“ gibt und kein „am Ende.“ Auf den Jugendglauben mache ich Anspruch. Ja, ich behaupte: All Ihr Liebesfühlen entbehrte unantastbarer Echtheit; denn nur, wenn Menschen alles vergessen müssen, was die Ewigkeit ihrer Liebe bedroht, ist ihre Liebe echt, ich meine, unveränderlich wie ein echter Edelstein. Sie haben nie alles vergessen wollen oder vergessen können, das hat Ihr Lieben beraubt. Sind Sie denn nie von der Leidenschaft zu einem Menschen besessen worden wie der Märtyrer von seiner Idee, auch wenn deren Verwirklichung ihn mit Sicherheit aufs Schaffot führen mußte, sicher und gewiß auf den Scheiterhaufen?
Ich bettle nicht. Meine Seele ist still, weil es keine Grenzen für die Stärke ihrer Liebe gibt. Ich werde Sie gewinnen, ganz mir gewinnen, Maria, liebste aller Frauen.
Ihr, Ihr Roland.
Unverbesserlicher, was wollen Sie mit mir „für Zeit und Ewigkeit“ anfangen? Erinnern Sie sich an das Entsetzen Ihrer früheren Mitbürger über Ihre „Abwege“. Und auch andere werden Sie nicht verstehen. Vielleicht werden Sie selbst sich in zehn Jahren unbegreiflich geworden sein. Nein! Sie und ich! Die Natur kann Ihr Herz für mich nicht gebieterisch dauernd entflammen. Aber — hören Sie mein Bekenntnis: Ich muß auf der Hut sein, mich von Ihren Irrungen nicht locken zu lassen, obwohl ich zu ahnen beginne, daß die herrschende Sitte verantwortlicher für unsere Unvereinbarkeit zu machen sein könnte als die Natur, deren Walten wohl auch zwischen uns „von Gottes Gnaden“ ist.
Wenn Liebe die größte Steigerung der in uns ruhenden Kräfte und Möglichkeiten schafft, dann — erwidere ich Ihre Liebe. Ich sage Ihnen dies ganz ruhig, nur wie die Feststellung einer Tatsache. Hoffen Sie nicht, daß ich mich Ihnen wie eine Lebensanfängerin in die Arme stürzen werde. Nein, an Ihnen vorbei will ich mich noch tiefer, noch restloser meiner Kunst hingeben. —
Aber sprechen wir von etwas anderem, sprechen wir von Ihrer „Rüge“. Ja, im Fache: „briefliche Fragen beantworten“ hat meine Zensur immer „mangelhaft“ lauten müssen. Ich weiß es. Zwischen uns dürfte wohl das tägliche Sehen als Milderungsgrund mit in Betracht zu ziehen sein. Eine Stunde täglich! Ist das nicht unerlaubter Reichtum? In mir wird die Neigung, mich in Briefen zu erschließen, besonders durch den noch nicht verflogenen Hauch der persönlichen Nähe des mir teuren Menschen gesteigert. Nun sind Sie also dieser „Teure“ für unbestimmte Zeit. Genügt Ihnen das? Sie Unerfahrener wissen eben nicht, wie rasch ein neues Erlebnis Sie von mir wegtreiben könnte. Ihrer ungelebten Vergangenheit traue ich nicht. Sie müssen nun doch erkannt haben: das Leben ist voller Verborgenheiten. Ich wäre ohne diese Verborgenheiten verschmachtet. Auch Sie werden zu lauschen beginnen, ohne zu wissen, worauf Sie lauschen. Der Strom, in den unser Fühlen und Denken gleiten kann, liegt vor uns selbst in Dunkelheit. Mit dieser schönen Unsicherheit — oder ist sie doch vielleicht nicht schön? — sollte jeder Mensch rechnen, der das beseelte Leben liebt, nicht nur der Künstler, dem jede Stunde neue Empfängnis aus unerforschten Gründen zufluten lassen kann.