Mit einem so gewaltigen Uebermaß von Glück überströmten mich Deine Verse, daß ich garnicht zu mir selbst zurückfinden möchte — nicht so rasch zurückfinden; denn, zurück muß ich ja doch, zurück.
Dein Lied, das mich erschreckt und erschüttert hat und aufgewühlt bis ins tiefste Innere, täuscht noch immer den Atem Deiner Nähe vor — obwohl Du mich vor einer Stunde verlassen hast. — Aber sagen? Was könnte ich Dir über die Wirkung (welch eine lächerliche Bezeichnung) dieser zwei heißen Verse sagen?
Roland, ich, die ich bisher stets im Fluge mein Wollen und Wünschen, mein Empfinden auszudrücken vermochte, habe eine Weile auf das leere Blatt gestarrt und nicht gewußt, was ich Dir schreiben könnte. Auch mich bedrückt die Armseligkeit meiner Worte, genau wie Dich die Deine. —
Nicht nur Deine Verse erweckten in mir den Wahn, ich hätte noch nie einen Frühling erlebt wie diesen. Dein Glaube an mich stimmt mich jetzt immer feiertäglich. Du hast — verzeihe den etwas pathetischen Ausdruck — mein Weltbild ganz verändert.
Offenheit ist mir zwischen Menschen, die ich mein nenne, stets so natürlich, so naturgewollt erschienen wie das Erblühen einer Knospe. Ich denke aber nicht an das vergröbernde „sich alles sagen“; nein, der Wesenszug, den ich meine, ist zarteren Ursprungs. Das von dem veränderten Weltbilde mußte ich Dir also berichten. Dagegen halte ich es für gefährlich (ich meine niederziehend) über jeden alltäglichen Kleinkram und Kleinkrieg miteinander zu sprechen. Dergleichen schweigt man tot, redet es nicht „lebendig.“
Oft ist unser Gespräch tief in die Tage Deiner frühen Jugend geglitten. Deine Kindheit, die von Verkennung und seelischer Erniedrigung ganz erfüllt war, mußte in Deine Brust Aengste und Entsetzen schleudern, deren Spuren unverlöschbar sind. Meine Kindheit glich einer langsam aufsteigenden Morgenröte. Wieviel ich dieser Sonne schulde, weiß ich erst, seitdem mir so viele, ganz verschieden geartete Menschen von Fangarmen sprachen, die sich ihr ganzes Leben hindurch nach ihnen ausstreckten, oder die sich an sie krallten, und die doch nichts anderes waren als Hemmungen und Verängstigungen aus den Tagen ihrer frühen Jugend. Die schlimmsten Morde sind unsichtbar und bleiben straffrei. — —
Mein lieber Junge, schon oft erfuhr ich es an mir: jedes tiefe Lieben verstärkt unsere Eigenliebe. Oder weißt Du einen besseren Ausdruck für diese Ichsucht? Vertausendfacht ist die Bedeutung der eigenen Persönlichkeit vor uns selber. Was sind wir? Sind wir liebenswert? Anscheinend längst verlassene Kalvarienwege liegen plötzlich wieder grell beleuchtet neben uns, Stationen, die wir für alle Zeit verlassen zu haben wähnten, tauchen auf und fordern gebieterisch erneutes Erinnern.
Nie bin ich mir so fremd gewesen wie in den letzten Tagen. Wohin entschwand das Erschrecken über ein Gefühl, das so vieles fortschwemmen konnte von dem, was ich bisher kühn „meine Ueberzeugung“ nannte?
Bist Du je auf taufrischem Waldpfad dahingewandert, ganz hingenommen von morgendlicher Stille — und dann plötzlich kam eine schroffe Wegbiegung, tosender Sturm brach an und schleuderte Dir Hagelschlossen in die Augen? Wir wissen oft nicht, welches Schauspiel plötzlich eine unbekannte Gegend vor uns aufrollen könnte. Wie sollten wir auch auf der weiten Erde so genau Bescheid wissen? Und dennoch mögen wir in ihr besser auf Naturerscheinungen vorbereitet sein, als in der engbegrenzten Welt unseres eigenen Herzens. Wir wissen nicht, welche Summe an vorher ungeahntem Empfinden noch in uns schlummert, welcher Steigerung unsere Seele fähig ist, welchem Brausen unser Blut unterworfen sein könnte, wieviel unerlöste Seligkeiten unsere Brust birgt. Roland, wie selbstherrlich bin ich doch gewesen! Ich lächle über mich — —
So oft ich Deinen täglichen Brief nun in Händen halte, verflüchtigt sich alles irdisch Lastende. Für Augenblicke ist mein Zimmer in rosiges Licht getaucht, oft nur sekundenlang. Und doch verdanke ich diesen paar rascheren Herzensstößen eine nicht zu erschütternde Siegesstimmung für beschattete spätere Tagesstunden. Konnte ich Dir trotzdem gestern erklären, daß dieses häufige Schreiben „nicht nötig“ sei? Ich widerrufe, — ach, wie viel von meiner trügerischen „Abgeklärtheit“ habe ich zu widerrufen! Hoffentlich überzeugte ich Dich nicht gestern. Das wäre traurig. — In der singenden Stunde dieses Abends, im Lindenduft, der durch die weitgeöffneten Fenster flutet, im Weiterbeben Deines Liedes in mir, empfinde ich die Möglichkeit Deines Schweigens wie ein Unglück. Drei Tage keinen Brief von Dir zu wollen, hieße dreimal ein beseligendes Heute selbst ermorden. Wie konnte ich glauben, ich bedürfe nicht täglich von neuem der Versicherung, daß ich Dir herrliche Welten geschaffen habe, daß es nicht mehr derselbe Himmelsraum ist, der über Dir glänzt, nicht mehr dieselbe Nacht, die Dich in ihre Finsternis hüllt? Als ob man Liebe überhaupt begriffe! Schreiben wir uns denn, weil wir uns schreiben wollen? Schrieben wir uns denn bisher nicht, weil wir einander schreiben mußten? Sind diese Bangnisse und Erhebungen — Briefe? Glauben wir doch uns dieses Ueberflüssige gerade dann offenbaren zu müssen, nachdem wir eben einander ins Auge geschaut; und dünkte uns dieser Nachhall nicht gerade dann notwendig? Der Tag, an dem ich aufgehört haben werde, auf Deinen Brief zu warten, erscheint mir heute tödlich. Wäre ich in Deinem Alter, so glaubte ich, daß dieser Tag nie kommen kann. Aber, Roland, lieber Junge, ich bin so weit entfernt von Deinem Alter. Ich weiß um die raschen Todesfahrten der Liebe, weiß, daß sie königlich aufbaut und kalt niederzureißen vermag, daß sie Helden und Märtyrer schafft, daß sie durch Palmenhaine geleitet und in Eisesgrüfte stößt, weiß, daß Liebe eigentlich stets in Lebensgefahr ist. Ja, all dieses weiß ich und kann doch der Versuchung nicht widerstehen, die kaum vernehmbar mir unermüdlich in den letzten Tagen zuhaucht, daß sie wieder ein Recht habe, sich geltend zu machen, dasselbe Recht mich zu überglühen wie die Sonne. Oder sollten konventionelle Bedenken die Sonne verdunkeln können? Ich habe kein Talent zur Zaghaftigkeit, gar kein Talent zum Verarmen. Vielleicht stellte mich eine weise Fügung wieder einmal in einen Lebens-Brennpunkt. Man muß sich ja nicht über jede kurze Wonne „im klaren“ sein. Ich bange nicht mehr! Mir ist dieses ahnungsschwere Zittern Wirklichkeit genug; nach keiner anderen Wirklichkeit wird meine Liebe zu Dir je verlangen.