Nach 6 Uhr erwache ich. Ich sehe den Karst, auf dessen Höhe wir fahren; die Sonne ist vom Regen versteckt, der die Steinfelder dieser Berge noch unwirthlicher als sonst erscheinen läßt. In Nabresina hält der Zug; die Bahn nach Italien trennt sich hier von der, welche den Karst hinab nach Triest führt. Der Bahnhof ist groß und zweckmäßig eingerichtet. Schon singt Alles das Italienische. Erfreut durch die bekannten Klänge beobachte ich das zu- und abströmende Gedränge. Ein Conducteur war mir darin aufgefallen, weil seine Blicke mich unablässig verfolgten. War der Mann ein Vertrauter der Polizei und hielt er mich für einen Flüchtling? Jetzt drängte er sich zu an die offene Wagenthüre, umfaßte meine Knie, er hatte mich erkannt! Es war Venerando, der Gondolier, der mich in Venedig immer geführt hatte. Wie aber auch hätte ich ihn, den zierlichen, schlanken Burschen, der mich so oft in der ärgsten Sommerhitze, nichts als ein Hemd und die leichte Hose an, nach dem Lido, nach den Inseln, nach Torcello oder nach San Francesco del Deserto gerudert hatte, in der steifen, zugeknöpften Eisenbahnuniform erkennen sollen? Früh Morgens schon klopfte er damals an meine Thüre. Ich wollte die Leute schonen und so verneinte ich die Absicht einer Fahrt. Er aber kannte die stille Neigung meiner Wünsche und aufopfernd wußte er mich bald zu überreden, mich ihm und seinem Genossen hinzugeben. Landeten wir dann nach stundenlanger Fahrt an einsam abgelegener Küste und hatte ich die Früchte, die ich mitgenommen, mit ihnen getheilt, so geleitete er mich in das Innere des Landes, dem Fremdlinge die herrlichen Reste einer abgestorbenen Kunst mit all’ dem Schönheitssinn und all’ der Liebe zu seinem Vaterlande zu erklären, die dem Südländer, und dem Italiener insbesondere, eigen sind. War ich müde geworden, so ruhten wir neben einander auf dem Strande aus, dem das Meer mit leicht aufschlagenden Wellen, die immer näher unsern Füßen kamen, vertraute Grüße aus entlegenen Fernen zubrachte. Sein fortwährendes Gelispel machte die Rede meines Venerando noch geschwätziger. Von Venedig erzählte er mir, das vor uns lag im Dufte gluthvoller Mittagssonne, von den Lagunen und von den Geheimnissen, die sich nächtlich darauf begeben; zuweilen auch, wenn ich ihm besonders geneigt schien, von sich und seinen Freunden und daß er schon einmal das Messer gezückt, weil man seinem Weibe zu nahe treten wollte. Ich hörte ihm immer mit regem Interesse zu; seine Worte waren gut gewählt und seine Stimme klang melodisch. Erst Abends, wenn die Sonne schon auf den schneeigen Gipfeln der Alpen ruhte, ruderte er mich zurück durch das purpurfarbene Meer nach der goldbethürmten, kuppelbedeckten Stadt. Mit mir trug ich kostbare Erinnerungen, die ich unvergeßlich festhalte und ihm treulich danke. Sein Gefährte hieß Beppo, aber er war vergleichsweise unbedeutend.

„Venerando“, rief ich auch heute meinem Freunde wieder, „wie ist es möglich, Du, der schönste, der schnellste Gondolier des ganzen Venedig, hier in diesem Kleide Conducteur einer Eisenbahn?“ — „Konnt’ ich anders, Signore? Ich bin verheirathet, habe Kinder, und meine Frau meinte, ich solle von meinem mächtigen Dienstherrn das Fürwort zu einer Staatsanstellung erbitten. Das sei ein bleibender Verdienst, sichere mir das Alter, ihr und den Kindern sogar für den Fall meines Todes das Leben. Und ich liebe mein Weib über Alles, wie hätte ich ihr diesen Wunsch nicht erfüllen sollen?“ — Ich begriff und schwieg, denn selbst ein Wort des Mitleidens wäre Kränkung gewesen. Der Mann fühlte ohnedem seine ganze Herabwürdigung tief genug, das zeigte seine Haltung und der niedergeschlagene Blick seiner Augen. Aber so sind die Weiber! das Höchste wie das Niedrigste können nur sie aus den Männern machen. Und doch gibt’s noch Eingebildete, die sich die Herren der Schöpfung träumen!

Ueber andere Dinge wechselten wir noch einige Worte, der Anklang an die frühere Zeit erheiterte sie; dann trennte uns die Pfeife und das Weitergehen des Zuges. Wir haben es uns nicht gestanden, aber er muß die Freude des Wiedersehens aus meinen Blicken wie ich aus den seinigen gelesen haben. Wozu auch reden, wenn die Augen aufrichtiger als alle Worte sprechen!

Gleich hinter Nabresina öffnen sich zwei Felsen, zwischen denen durch und über die vorliegenden Steinmassen hinab man sonst den ersten Blick aus das Meer (Miramar) hat. Heute erschienen dort nur undurchsichtige, regenhaltige Nebel. Aber wenige Windungen weiter, wie sie die Bahn so vielfältig über diesen Gebirgsrücken schlingt, jetzt eine die entschieden gegen Süden wendet, und übermächtig, durch keinen Nebel und durch keine Wolken, nicht durch Regen und auch durch die Nacht nicht mehr verbergbar liegt das Meer weit ausgebreitet, rechts unten an den Felsenhängen, Alles beherrschend, die Natur und unser Denken. Dunkle Farben kleiden es, aber auch so ist es groß, bezwingend in seinem Eindrucke; und wenn es noch düsterer, noch unfreundlicher wäre, von dieser Stelle gesehen, wird es mir immer nur entzückende Freude gewähren. Es haftet an diesem Puncte einer der beglücktesten Augenblicke meines Lebens. Ich hatte die See sonst nur im Norden gesehen, wo sie grau und kalt ist, und mir doch lieber als das Grün der Wiesen und der Schnee der Alpen geworden war, so lieb, daß ich nicht glauben wollte, daß sie irgendwo noch schöner erscheinen könne. Da zeigte mir ein warmer Julitag, es war Abends und die Sonne eben im Scheiden, von dieser Stelle das erste Mal das adriatische Meer. Ein Schrei des Entzückens und dann verlor ich im Schauen jede Besinnung. In Thränen löste sich die Freude auf, daß Gott so Herrliches geschaffen und daß er mir gegeben es zu sehen. Wie in dem Halbkreise eines Theaters ruhte das Meer in seinen Felsenmauern; tiefes Rothblau auf seiner Fläche, nur rechts hinüber, wo Venedig liegt, und in seiner Mitte, wo die Sonne in zerrissenen Wolken untertauchte, flüssiges Gold darauf. Von seinem Horizonte schossen breite, feurige Strahlen in die Kuppel empor, daß Himmel und Wasser wie in einem Brande glühten. Schiffe waren weithin zerstreut mit weißen und rothen Segeln, die mit lautlosem Leben die geweihte Stille des Bildes durchzogen. Von kleinen Wellen getrieben segelten sie und verrinnende Kreise schlugen hinter ihnen an die grünen Abhänge des Ufers. Links erschienen die ersten Lichter von Triest und das Leuchten seines Leuchtthurms.

Wer einmal ein solches Bild lebhaft in sich aufgenommen, dem wird es auch die geringste Mahnung ganz wieder lebendig machen. Das ist eben das Gottgesegnete solcher begeisterten Augenblicke, daß sie unvergeßliche werden. Der erste Eindruck kehrt an derselben Stelle immer wieder, verschönert und vergrößert, weil die Erinnerung ihn genährt hat. Und dabei sind die angenehmen Erinnerungen weit zäher in ihrer Lebensdauer als die unangenehmen. Es ist das auch eine der vielen Gottesgaben, die der Mensch unbewußt und gewöhnlich undankbar genießt. Er nimmt sie wie die Luft, die er athmet, und das Licht, das er sieht, als ein ihm Gebührendes, als etwas Alltägliches. Heute kam zu diesem Vergnügen noch die sichere Hoffnung hinzu, dieses befreundete Element, das Meer, nun durch Monate besitzen und es zu jeder beliebigen Minute schauen zu dürfen.

Um halb 9 Uhr stiegen wir im Bahnhofe aus; immer noch dieselbe dürftige Bretterbude. Nun, da ich in der Stube des Gasthofes sitze, hat der Regen aufgehört. Warmer Sonnenschein schlüpft durch die Fenster herein, den Süden und seinen Frühling kündend. Ich eile ein um das andere Mal vom Schreibtische weg auf den Balkon hinaus, die Luft, die ich in diesem Jahre noch nicht gekostet, in vollen Zügen zu athmen. Unten auf dem Quai ist dasselbe Gedränge und Geschrei wie ehemals und sogar die Blumenmädchen vom Jahre 1860 glaube ich zu erkennen. Die See weiter draußen, wo ich sie zwischen und über den Masten der vorliegenden Schiffe weg erspähe, ist dunkelblau geworden und an dem Himmel ziehen die Nebel in mächtigen Wolkenballen davon. Ein großer englischer Schraubendampfer gleitet eben am Molo di San Carlo vorüber nach der Darsena. Der Hafen erscheint mir leerer als sonst.

Abends fuhr ich auf der Straße nach Servola. Das Meer auf der einen Seite im rothen Abendlichte, auf der andern Seite links die Hügel mit Gärten und Villen bepflanzt, ist das einer der schönsten Spazierwege der Welt. Ich habe schon manche inhaltsvolle Stunde stiller Melancholie dort zugebracht; gewöhnlich waren es die letzten vor der Abreise.

Neben der Werkstätte des Lloyd sehe ich die des Rheders Tonello und auf seiner Werfte das Gerippe zu dem großen Dampfer „Rudolf von Habsburg“, ein Zeichen strebsamer Handelsthätigkeit. Man wirft der Stadt und den Triestinern Rücksichtslosigkeit für die österreichische Production vor und droht ihnen jetzt mit der Aufhebung des Freihafens. Ich finde den Vorwurf ungerecht und die Strafe widersprechend allem dem, was man sonst zu Gunsten der Freiheit begehrt. Das Hinterland hat selten die Aufträge der Triestiner Kaufleute so erfüllt, daß die ausländischen Consumenten dauernd zufrieden gestellt werden konnten. Und dann, wenn es nur in der Schuld der Triestiner Vermittler liegt, daß der österreichischen Industrie eine vermehrte Seeausfuhr fehlt, warum ahmen die österreichischen Producenten nicht die Schweizer nach, die sich selbst um fremdländische Käufer bemühen? Warum schicken sie nicht ihre Söhne und ihre Neffen nach Aegypten, Syrien, Constantinopel, nach Marokko, Ostindien, China und Japan, nach Brasilien, Peru und Mexiko, die dortigen Bedürfnisse kennen zu lernen und auf den fremden Märkten die österreichischen Waaren auszubieten? Ich habe aus derselben Schwarzwälder Strohhutfabrik denselben Unternehmer jährlich nach London, Paris, Newyork, Hamburg und Wien reisen sehen, um die Muster dieser Hauptstädte für die nächste Saison zu holen. Und Schweizer aus den besten und reichsten Häusern findet man nach den entlegensten Winkeln der Welt verschlagen. Aber freilich, das Pflaster des Wiener Grabens ist ein bequemeres als das von Pera und Alexandrien. Und doch ist die Handelsweise, wie sie die Schweiz betreibt, für ein Land, das noch wie Oesterreich in den Anfängen der industriellen Production liegt, die einzige praktische und fördersame. Was aber die Aufhebung des Freihafens betrifft, so brauchen sich deswegen die Triestiner nicht zu ängstigen. Der Trieb der Zeit geht auf anderen Wegen und wird binnen Kurzem, statt Triest in ein Gefängniß, das ganze Reich in einen Freihafen des Freihandels verwandeln. Es gibt Ideen, die, einmal geboren, von selbst weiter wachsen; sie arbeiten nicht und sie spinnen nicht und unser himmlischer Vater nähret sie doch. Wie eine solche Feldlilie der heiligen Schrift ist der Freihandel. Es wird die nächste Zukunft weniger mit der Abschaffung der Freihäfen als mit der Wiederherstellung der ursprünglichen Naturzustände beschäftigt sein; die waren freie und die Freihäfen sind ihre letzten aufrecht gebliebenen Reste. Auch hat England die seinigen erst aufgehoben, als es seine Bekehrung zum Freihandel vollendet hatte. Will man von Privilegien und Ausnahmen reden, so kann das nur von jenen Gesetzen gelten, welche die natürliche Freiheit aus den Grenzen eines großen Reiches verbannt und sie auf den Bezirk jener kleinen Meerwinkel beschränkt haben.

Jetzt, da es Mitternacht ist, kehre ich vom Molo di San Carlo zurück. In der lauen, ruhigen Luft kühlte ich den Drang meiner Erwartungen. Der Mond, ein prophetisches Zeichen meiner Fahrt, steht als wachsende Sichel, das Wappen von Byzanz und später das des türkischen Reiches, am wolkigen Himmel. Junge Leute kehrten von einer späten Meerfahrt heim. Mit Spielen und Gesängen kürzten sie die Zeit, die ihnen nach der lebensfrohen Art des Südländers noch zu frühe dünkte. Der Lloyddampfer „Stadium“ liegt am Molo, gespenstig und unheimlich, wie das Mondeslicht jedes Schiff erscheinen läßt. Morgen um diese Stunde ruhe ich darauf und die Wellen der Adria wiegen mir das Schlaflied.

An Bord des Lloyddampfers „Stadium“, den 14. Mai.