An Bord des „Stadium“, 15. Mai.

Pfingsten, das Fest der Freude, nicht im Walde, auf grüner Haide, auf dem baum- und blüthelosen Meere feiere ich es. Aber den Frühling hat es mir doch gebracht und wärmer und erquicklicher als er daheim in den steierischen Bergen sein wird. Laue südliche Luft umfängt mich schon um 6 Uhr Morgens, da ich auf das Verdeck komme. Unmerklicher als mit jedem andern Bewegungsmittel legt man mit dem Schiffe große Entfernungen zurück. Um das Boot und auf demselben findet sich an jedem Morgen nur wenig verändert, um so überraschender dann solche plötzliche Verpflanzungen wie die heutige von der Winterkälte des Nordens in die Sommerwärme des Südens. Den Himmel finde ich zuerst umwölkt, aber die Sonne überwindet ihre Feinde. Die dalmatinischen Berge, runde, gewellte Linien, sind nur undeutlich in den Nebeln des Morgens sichtbar. Eine niedere Kette liegt vor der höheren. Vielleicht Inseln?

Um 10 Uhr fahren wir zwischen Lissa und Busi durch, beide steinig und kümmerlich bewachsen. Pomo liegt hinter uns in schönen felsigen Formen. Einer Plänklerkette ähnlich sind diese Inseln vor das Festland gestellt; alle scheinen unbewohnt und selbst unbebaut. Ob das jemals anders gewesen weiß ich nicht. Bekannt ist mir nur, daß fromme Gefährten des heiligen Hieronymus sich hierher flüchteten, weil ihnen zuerst Rom und dann auch noch Aquileja und ihre anderen illirischen Heimathstädte zu zerstreuend und zu voll von Versuchungen waren. Es war ein eigenthümliches Leben, das diese Männer führten, wechsel- und widerspruchsvoll wie das ganze Werden des 4. Jahrhunderts. Niemals, so weit die Geschichte zurückerzählt, waren die Contraste greller nebeneinander gestanden. Das Heidenthum, das seine Macht noch nicht ganz verloren hatte, und das Christenthum, das noch um das Scepter seiner Alleinherrschaft kämpfte, eine abgestorbene und eine jung auflebende Welt nebeneinander. Dabei war im Grunde wenig Kampf, mehr Verträglichkeit als heute zwischen den Parteien. Der römische Senat hatte immer noch den Altar der Victoria in seinem Saale, während am Bosporus der Kaiser schon in der Kirche der heiligen Weisheit dem dreieinigen Gotte seine Gebete darbrachte. Und wie im Staatsleben so auch im Familienleben; dieselbe Milde, derselbe Friede, dieselbe Duldung. Auf dem aventinischen Hügel im Palaste der Marcella fanden die Zusammenkünfte statt, wo die adeligsten Matronen um den heil. Hieronymus geschaart die Lehren des Christenthums annahmen, indeß ihre Männer und ihre Kinder den Vergnügungen des Circus nachgingen. Von jenen Conventikeln aus pilgerte die heil. Paula, durch mütterliche und väterliche Abstammung zugleich eine Tochter der Scipionen und Atreiden, nach dem heiligen Lande, um zu Bethlehem neben der Geburtsstätte unseres Erlösers zu sterben und ihr Grab zu finden, während ihr Sohn Toxotius in Rom als Heide, aber mit einer christlichen Gattin zurückblieb, und sein Söhnchen, der Enkel der heil. Paula also, doch wieder dem mütterlichen Großvater, einem heidnischen Oberpriester, das christliche Halleluja! entgegenlallte. Ob sie wollten oder nicht, Alle mußten durch die Schule dieses bunt zusammengewürfelten Lebens; die Ecken standen einander noch zu nahe, als daß man ihnen hätte ausweichen können. Und wie ein Extrem das andere weckt, so mußten dann aus den Uebersättigungen des Heidenthums die strengen Kasteiungen des Christenthums hervorgehen. Nur so gebildete Männer konnten das Leben auf diesen ausgedörrten, von einem ewigen Wellenschlag ausgewaschenen Inseln ertragen. Wer weiß, wie lange es dauert, bis wieder Einsiedler hierher flüchten, denen die Welt zu eitel und die sich selbst zu schwach zum Widerstande sind. Es ist eine Eigenthümlichkeit aller sinkenden Zeiten, daß starke und schwache Seelen, die einen wenn sie die Erfolglosigkeit begriffen, die andern wenn sie die Unwiderstehlichkeit der Sünde erkannten, sich in die Einsamkeit zurückziehen. Wenn wir sie alle zählen könnten die Menschen, denen heut zu Tage der Muth und die Kraft zur That und zum Widerstande erstorben sind, ob nicht der Inseln zu wenige wären sie alle aufzunehmen? Aber nein, unsere Zeit ist ja noch keine des Verfalles, wenigstens in ihrer Einbildung nicht.

Gegen Mittag verschwand alles Land; es blieb auf allen Seiten nur unbegrenztes Meer, mir das liebste, weil man sich doch immer den Beherrscher seines Gesichtskreises wähnt. Der Tag, der heiß und klar war, schied mit einer Sonne, die purpurhältig aus wolkenlosem Himmel in die See sank, und die Nacht, die milde und hell ist, kam mit einer Sichel, die züchtig ihr bescheidenes Licht über die leicht aufrauschende Fluth ausgießt. Im Westen glänzt noch ein rother Strahl; „so stirbt ein Held!“ und das ist der Erinnerungsschimmer, den er zurückläßt.

Vorn auf dem Schnabel des Schiffes liegt ein Perser schlafend ausgestreckt; den ganzen Tag über sah ich ihn lesend dort sitzen, unveränderlich in seiner Ruhe und in seinem Gleichmuthe. Nur manchmal hob er sich über die Brüstung hinaus, auf die See zu sehen. Auch da war sein Blick kein Schauen, nur ein suchendes Denken. Wie vieles mag in diesem Kopfe sein, wovon die Schulweisheit deutscher Gelehrten nie geträumt hat! Ich halte ihn für einen Pilger, der von einer Wallfahrt heimkehrt. Vielleicht gilt er seinem Volke als Wissender, wie den Deutschen nur irgend einer ihrer Heidelberger und Berliner Professoren.

An Bord des „Stadium“, 16. Mai.

Welche Veränderung, da ich Morgens vom Verdecke den ersten Blick um mich werfe! Links vom Schiffe, wo gestern Abend noch das Auge weit hinaus und den Osten nur von Meer und Himmel begrenzt sah, prallt es jetzt zurück an finsteren Wänden, und muß an ihnen hinaufklimmen den Himmel auf sie gelehnt zu finden. Das können nur die akrokeraunischen Berge sein, welche den Alten die obere Welt von der rückkehrungslosen unteren schieden. Und wahrlich, wer diese Berge sieht wie ich sie sehe, grau im unheimlichen Zwielichte des Morgens, indessen weit draußen im Westen ein erster Sonnenstrahl über ihre Kuppen weg auf das zitternde Meer fällt, der begreift, daß sie der Phantasie eines dichterischen Volkes als Mauern erscheinen konnten, die trennend zwischen zwei unvereinbare Reiche, den Tod und das Leben, gestellt waren. Was hinter ihnen ist, ihr Inneres, mag auch wirklich manches Thal bergen, das, sonnenlos, der homerischen Schattenwelt ähnlich genug sein mag. Und ähnlich diesen Sagen liegen, da ich die Gebirge zuerst erblicke, geheimnißvolle Wolken auf ihren Gipfeln. Erst da das volle Tageslicht kommt, zerstreut es diese.

Heute nennen sie es das Tschika-Gebirge. Schnee deckt die obersten Kuppen und zieht sich in weißen Streifen tief hinab. In Silberbächen fallen die schmelzenden Wasser durch die alten Furchen in das Meer hinunter, denn ohne jede Abstufung, ohne vorliegende Hügelkette, ohne vermittelnden Rand, von oben beinahe senkrecht hinab sinken diese Berge in’s Meer; ein Schiff könnte an ihnen anlegen wie an den Wänden eines Molo’s, so glaubt man wenigstens. Unten hat der Wogendrang der Jahrtausende die Hänge abgewaschen, oben aber wurzeln grüne Laubwälder fest darin. Das sind Standbilder der Vergangenheit; aus dem Boden, welchen die Zeit aufgeschichtet hat, schöpfen sie ihre zähe Lebenskraft. Die Gestalt und auch die Höhe dieser Berge, die höher erscheint als sie wirklich ist, weil das Gebirge unmittelbar aus dem Meeresspiegel aufsteigt, läßt sie mich unsern Alpen ähnlich finden. Dahinter ist das türkische Albanien. Rohe, wilde Völker wohnen dort, ohne jede Spur jener Gesittung, die wir Civilisation nennen. Schon Homer schildert sie so; die Füße wuschen sie sich damals nicht und schliefen auf dem Erdboden. Und ein Jahrtausend später fand Strabo bei den Barbaren um das heilige Dodona noch immer denselben Culturzustand. So bleibt der Mensch wie auch die Pflanze auf demselben Erdenflecke im Grunde immer derselbe; er wie alles Uebrige unterliegt den localen Naturgesetzen. Ich achte übrigens wegen dieser Rohheit diese Völker nicht geringer; was wir Rohheit nennen, ist gar oft der bessere Theil der Natur, den die Erziehung auslöschen will. Was die Albanesen damit zu leisten vermögen, das zeigten sie gegen Ali Pascha von Janina.

Cap Linguetta ist inzwischen weit hinter uns zurückgeblieben; mit dem von Otranto, gegenüber an der italienischen Küste, sperrt es das adriatische Meer. Ein anderes Meer thut sich vor uns auf, das jonische, mit anderen Inseln und anderer Geschichte. Wäre das Wasser nur etwas beständiger, diese Fläche müßte uns Furchen zeigen, die der Kiel des Jasonischen Schiffes, die Odysseus, die Cäsar und sein Glück, Augustus, die die Byzantiner und Normannen, die Venetianer und Kreuzfahrer darein gezogen haben. Später, als dann die Welt größer ward, wurden die Ereignisse, die hier geschahen, kleiner und seltener. Die Weltgeschichte ist mit der Zeit extensiver aber nicht intensiver in ihrem Wirken geworden. Indessen den alten Ruhm, den glänzenden Schimmer der untergegangenen Zeit konnte diesem Meere nichts von dem spätern rauben; die Dichter haben ihn mit unsterblichen Namen ringsum an das Festland und an die Inseln, an die Berge und an die Klippen geschrieben. Was sie die donnergetroffenen Berge, die akrokeraunischen, genannt, das wurde durch sie das Land der nächtlichen Cimmerier; dort ließen sie den Hades und den Tempel der Eumeniden erstehen. Fanno, das vor mir mit malerisch, scharf gebrochenen Linien, so wie man Capri auf Bildern dargestellt sieht, aus der Fluth auftaucht, war ihnen die Zauberinsel der Calypso, das verführerische Ogygia, und Corfu, das ich bis jetzt nur noch mehr ahne als sehe, das Scheria der seeliebenden Phäaken mit dem königlichen Hofe des Alkinoos und der reinen Liebe der Nausika. Und wer in der That kann diese Ufer mit andern als mit von der Dichtung begeisterten Augen sehen?

Die Küste zur Linken ist uns mit den gewaltigen Berglehnen immer gleich nahe. Rechts treten die Erikusa und die ganz nackten, zersplitterten Felsenriffe der Salmotraken in den Gesichtskreis; zuletzt schließt sich Corfu an mit Bergen weit höher als ich sie erwartet hatte. Silbergrau sind sie von oben bis unten mit Olivenwäldern überzogen, aus denen einzelne Cypressen würdevoll aufragen. Unten herum, dem Strande näher, sind Landhäuser darin zerstreut, kleine feste Würfel aus rothem Stein mit niederen Dächern. Das Meer liegt spiegelglatt davor, daß, als wir zwischen die Insel und das Festland eingefahren sind und die Berge sich hinter uns zusammenschließen, die Täuschung beinahe unwiderstehlich wird, man treibe auf einem friedlichen Landsee. Ein Inselchen, Peganosa, worauf die Engländer eine Laterne setzten, mehrt noch den Betrug. Es ist wie einer der schweizer oder italienischen Seen, nur größer, weiter, und Cypressen, Feigen-, Orangen- und Oelbäume auf den Uferwänden, und Meer und Land in den Farben, in dem Dufte und in der Wärme des Südens.