Alle, auch die bisher theilnahmslosesten Passagiere, haben sich auf dem Verdecke gesammelt. In der Mitte des Oberdecks vor dem runden Glaspavillon stehen sie schauend und entzückt; ich aber vorne auf der Spitze des Schiffes, weil meine Neugierde allen vorandrängt. Gegen 2 Uhr sehe ich Corfu in einer weiten aber wenig eingebogenen Bucht auf steilem Ufer mit weißen Häusern; vor ihm und zu seinem Schutze Fort Vido; zur Rechten, die Stadt und die ganze Insel beherrschend und wie ihr Rückgrat durch sie hingezogen, Monte San Salvatore; zur Linken die Doppelgipfel der Festung, die mit felsigen Kanten zum Wasser hinabsteigen, das hinüber zum Festlande führt, wo schneebedeckt die albanesischen Berge aufragen. Zwischen ihnen und Corfu durch zwängt sich das Meer wie in einem Strome zur Fortsetzung unserer Fahrt.

Fort Vido haben die Engländer erbaut und jetzt vor ihrem Abzuge zerstört. Zwischen den gestürzten Mauern stehen einige dürftige Platanen. Unser Schiff macht einen weiten Bogen um das Inselchen, dann erst übersehe ich die ganze Stadt und die Rhede, denn das ist der Hafen eigentlich nur. Kriegsschiffe und Dampfer und die Flagge auf den hohen Thürmen der Doppelburg kündigen noch immer die Engländer; sie haben die Uebergabe der Regierungsgewalt an den König von Griechenland bis zum Juni verschoben.

Wir werfen den Anker; die Maschine und die Räder stehen stille, das Schiff treibt mit der Kraft, die ihm eigenthümlich geworden war, noch eine Weile weiter; erst die angespannten Ankerketten halten es. Eine Meute von Booten, die uns schon entgegengekommen war und in immer engerem Kreise eingeschlossen hatte, legt sich an seine Wände. Diese Boote sind breit und plump, so sehr jedem Schönheitsgefühle zuwider, daß ich sie nur durch das Bedürfniß entschuldigen kann, das sie so zu anderen Zeiten für die vielleicht bösartige Natur dieser Buchten brauchen mag. Die Bootsleute sind frische und sogar schöne Bursche und das Geschrei, womit sie sich die günstigsten Plätze bestreiten, die Passagiere schon von unten herauf zu gewinnen suchen, gibt mir, ehe ich noch diesen Boden betreten habe, einen Begriff von der Lebhaftigkeit, von der Geschwätzigkeit des griechischen Volkes. Das lauteste, was ich in Italien gehört habe, schwindet daneben zu melodischem Mezza voce herab. Ihre und unsere Ungeduld mußte warten, bis der „Stadium“ Pratica erhalten hatte. So nennen sie in der Levante alle mit dem Ausladen verbundenen gesetzlichen Förmlichkeiten.

Corfu, oder Scheria wie es die Fabel, Korkyra wie es das Alterthum, Korypho wie es das Mittelalter nannte, ist berühmter durch den Ruf seiner Schönheit als durch den seiner Geschichte. Mitgespielt hat es gar oft, aber entschieden nur einmal die Schicksale der Welt; das war, als es im Streite mit der Mutterstadt die Athener gegen Korinth zu Hilfe rief und dadurch den peloponnesischen Krieg anstiftete, der so lange und so verderblich die Griechenstämme entzweite. Vorher mag die Zeit gewesen sein, welche Strabo „vor Alters“ und „eine hochbeglückte“ nennt, weil es eine große Seemacht besaß. Korinth hatte es durch eine Colonie in Besitz genommen. Bald aber zeigte es sich der Mutter feindselig, egoistisch, den Interessen Griechenlands abgewendet und im Innern zu Parteikämpfen geneigt. Schon vor den Perserkriegen war es gänzlich unabhängig und so stark, daß es nächst Athen die größte Flotte und den bedeutendsten Handel hatte und mit Korinth in der Herrschaft über das jonische Meer wetteifern konnte. Seine Regierungsform war eine aristokratische und seine Diplomatie eine überaus geschickte, die es immer außerhalb fremder Händel zu halten und ihm für die eigenen doch Bundesgenossen zu verschaffen wußte. Die materielle Lage der Insel war eine glänzende, der Reichthum groß, aber die geistige Bildung ihrer Bewohner hat nie jene Stufe erreicht, auf der im übrigen Griechenlande Werke unsterblichen Ruhmes geschaffen wurden. Roher und mordlustiger als irgend welche andere Griechen, füllten die Korkyraer die Zeit des auswärtigen Friedens, die man an anderen Orten zu Tempelbauten und zur Dichtkunst verwendete, mit inneren Parteikämpfen aus, die so grimmig waren, daß einmal in einem Streite die obsiegende Partei 1500 der gefangenen Gegner hinschlachten ließ. Es waren die demokratischen und aristokratischen Ideen, die hier früher als in einem andern Staate Griechenlands auf einander stießen. Diese inneren Zerwürfnisse boten fremden Feinden immer willige Handhaben zu ihren Einmischungen. So kam es, daß Athener, Spartaner und Macedonier sich in dem Besitze der Insel folgten. Zuletzt ging er denn auch mit der Erbschaft Alexander des Großen an die Römer über. Corfu, in seiner Oberherrschaft geknechtet, scheint sich durch kleinliche Freiheitsbestrebungen lächerlich gemacht zu haben. Wenigstens bespöttelt sie ein damals viel gebrauchtes römisches Sprüchwort: „Nun frei Korkyra,.... wohin du willst.“ Im August des Jahres 31 v. Chr. besetzte es Octavius Augustus, als er den Westen des römischen Reiches gegen den Osten in den Kampf führte, der sich schon damals von jenem trennen wollte. Der Posten, der den Eingang in das adriatische Meer und die damals so viel befahrene Verbindungsstraße zwischen dem italienischen Brundisium und dem illirischen Dyrrhachium bewacht, war für den Römer, der das Hauptquartier seiner Macht in Rom hatte, von der höchsten Bedeutung. Im Falle einer Niederlage bot er ihm einen Sammlungspunkt, oder deckte doch seinen Rückzug nach den calabrischen Häfen und Heerstraßen. Mit Anderem muß auch das Antonius vergessen haben, als er that- und entschlußlos im korinthischen Busen mit verliebten Tändeleien die Zeit der Vorbereitung verlor und den Gegner den Sieg schon gewinnen ließ, noch ehe die Schlacht begonnen hatte.

Eben diesen Stationspunkt wählen dann auch die späteren Eroberer, die sich zu ihren italienischen Fürstenthümern das griechische Kaiserreich rauben wollen. So 551 n. Chr. Totila mit seinen Gothen; so 1081 Robert Guiscard, 1107 Bohemund, 1146 Roger und 1185 Tankred mit ihren Normannen. Hier sammelten sie ihre Flotten, nordwärts gegen das oft belagerte Dyrrhachium, das heutige Durazzo, und südwärts gegen die preisgegebenen Küsten Morea’s und Attika’s zu ziehen. Und flüchtig, wenn der immer noch starke Arm des sinkenden Kaiserthums sie gezüchtigt hatte, ist es wiederum hier, wo sie einlaufen und Kräfte zu neuen Ueberfällen suchen. Wenn die Corfioten zu solchen Expeditionen die Fremden nicht geradezu aufforderten, wie es 1146 geschah, als sie sich gegen die byzantinischen Steuergesetze empörten, so waren ihnen die Feinde des oströmischen Reiches doch immer willkommen; den Reichthum und die Macht hatten sie nicht mehr, aber den Egoismus und die Theilnahmlosigkeit für die Geschicke der Stammesbrüder noch immer so wie damals, als Athen vergebens ihre Hilfe gegen die Perser begehrte. An Byzanz band sie nur das lose Band von 1500 Goldpfunden, die sie jährlich dahin ablieferten; die fanden sie nicht genügend bezahlt durch den schwachen Schutz, den ihnen der entfernte Kaiser nur bieten konnte. Sich selbst zu schützen waren sie noch unfähiger, und so wurde es allerdings das vortheilhafteste, sich dem jeweiligen Herrn des adriatischen Meeres willenlos hinzugeben. Zuerst den normännischen Königen von Neapel und Sicilien; dann, als sie diesen der griechische Kaiser wieder entrissen hatte, Constantinopel aber durch Henrico Dandolo erobert worden war, der Republik Venedig 1205; später wieder einmal an das Königreich Sicilien und 1386 sogar an den Fürsten von Padua. Einem Nachbarn aber konnte Venedig nicht diese Pförtnerstellung des adriatischen Meeres überlassen, und so zog noch im selben Jahre der Admiral Giovanni Miani aus, die Insel auf Grund der früheren Besitzestitel und für alle Zeiten in das Eigenthum der Republik aufzunehmen. Die Einwohner glaubten seinen Verlockungen, daß Corfu nur zufrieden gewesen und nur glücklich sein werde unter dem Banner des heiligen Markus, und zwangen mit ihm die paduanische Besatzung zur Uebergabe der Burg am 9. Juni 1386. So ward Venedig Herr dieser Insel und blieb es bis zu seinem eigenen Falle. Was man auch dagegen gesagt und geschrieben, es hat sie besser verwaltet und vertheidigt als sie es jemals früher oder später war. Eine Aristokratie, ähnlich der von Venedig selbst, besorgte die politische Administration. Dadurch entstand ein Adelskörper, der, wenn man dessen Existenz und seine noch immer geltenden Ansprüche nicht übersieht, manches von den letzten Ereignissen Griechenlands erklärt. Die militärische Gewalt behielt Venedig hier wie in allen seinen Colonien ganz in der eigenen Hand. Und ruhmvoll hat es sie gegen den einzigen Feind, den es in diesen Meeren zu fürchten hatte, gegen den Türken gebraucht. Einmal, 1537, als Suleiman seine Truppen auf die Insel ausschiffen ließ, und ein anderes Mal, 1716, als der deutsche Graf Schulenburg mit nur 5000 Venetianern die Stadt und zuletzt das Schloß durch 42 Tage gegen 22 türkische Linienschiffe, 30.000 Soldaten und 3000 Pferde so tapfer vertheidigte, daß der Feind mit einem Verluste von 15.000 Mann die Belagerung aufheben und in nächtlicher Heimlichkeit abziehen mußte. Das Denkmal des Generals stand lange auf dem Schauplatze seines Verdienstes. Erst als die Republik gefallen war, erreichte die Pforte das Ziel ihres Strebens, aber auch dann nur für kurze Zeit, denn schon 1809 mußte sie die Souveränität über die Insel an Frankreich abtreten. Schon der Friede von Campo Formio hatte diese Verfügung enthalten, Frankreich aber nicht die Kraft gehabt, sie der russisch-türkischen Flotte abzunöthigen. Der erste Pariser Friede übergab dieses Recht der Oberherrschaft an England, der zweite beschränkte es durch den Vertrag vom 5. November 1815 zwischen Rußland und England auf ein Protectorat, das eben jetzt England auch an den König von Griechenland abtritt. Daß damals den jonischen Inseln so viele Selbständigkeit gelassen ward, soll ihnen ihr Landsmann, der Corfiote Graf Johann Capo d’Istria erwirkt haben, und daß sie heute ganz in die griechische Herrschaft übergeben werden, sollen sie wieder zumeist dem Einflusse einer Persönlichkeit, den Berichten des Lord Obercommissärs Sir Henry Storks zu danken haben. Corfu wird jetzt zu beweisen haben, daß es treuer und opferbereiter als in alten Zeiten zum gemeinsamen Vaterlande stehe; die Zukunft liegt in seiner Hand. Was ihm England übergibt, ist ein sorgsam gepflegter und verbesserter Boden.

Das in großen allgemeinen Zügen die Geschichte der Insel; ihre körperliche Gestalt finden die Griechen einer Sichel ähnlich, den innern Ausschnitt gegen das Festland gekehrt. Ich möchte sie eher einer Keule vergleichen, deren Griff im Süden und deren knorriger dicker Kolben im Norden liegt. Dieser nördliche Theil ist der gebirgigere. Alle anderen übertrifft der Monte San Salvatore durch seine Höhe (3000 Fuß), aber auch durch die Schönheit seiner Umrisse. Vom Hafen aus gesehen zeigt er zu oberst eine lange, gerade, nackte, felsige Schneide, die nur an ihren beiden Enden mit kleinen Hörnern aufragt. Weil ich überall Aehnlichkeiten sehe, so vergleiche ich ihn mit der hohen Schrott auf dem Wege von Ischl nach Ebensee. Das Wachsthum auf seinen Hängen ist ein üppiges, meistens silbergraue Olivenwälder. Die Berge, die um ihn stehen, steigen unmittelbar aus dem Meere auf, so daß die ganze Gruppe wie ein eben erst aus den Fluthen aufgetauchtes Wunder erscheint.

Von diesen Höhen ostwärts dacht sich die Insel ab. Dort liegen wie in einem Sattel die Stadt Corfu, ihre schönsten Villen und Gärten. An seinem anderen Ende, vor dem Abbruche in die See, hebt er sich wieder zu dem doppeltgehörnten, dem grauen, steilen Vorgebirge, auf dem die Festung steht, die Fortezza vecchia auf dem einen, die Flagstaff Batterie auf dem anderen Horne. Zu allen Zeiten muß dieser Felsen die Akropolis getragen haben, wie heute die der Engländer, so ehemals die des Königs Alkinoos. Das Festland gegenüber buchtet sich gerade an dieser Stelle tief ein, so daß die Meerstraße von Corfu hier am breitesten ist. Die Stadt liegt unter dem Schutze der Festung und der Insel Vido beinahe uneinnehmbar; Haus über Haus steht sie vom untersten Saume der nordwärts geöffneten Bucht das felsige Ufer hinauf. Sie sieht gedrängt, eng und klein, aber reinlich aus, weil die Gebäude alle frisch und weiß angestrichen sind. Die Stadt soll an 20.000 Einwohner, die Insel 73.473 haben.

Indeß war der Menge, die den Dampfer umlagerte, die Erlaubniß geworden, das Verdeck zu besteigen. Bald waren wir, jeder Passagier besonders, von Diensteifrigen umstellt, der eine um uns sein Boot, der andere um uns seinen Wagen, seine Führerschaft, seinen Gasthof und jeder um uns mit vertraulich zugeflüsterten Betheuerungen seine Dienste als die besten anzubieten. Obst und Gemüse, Orangen, Erdbeeren, eine fremde Gattung Aprikosen wurden in großen Körben um uns aufgeschichtet; Artischocken von dieser Größe hatte ich nicht für möglich gehalten. Ich drängte durch Alles durch zur Lloydbarke, die uns an einer abgelegenen Stelle landete. Durch Höfe und einen Thorweg betraten wir erst die Gassen der Stadt. Eine englische Wache hielt das Thor besetzt, schöne große Leute und von so anständiger Haltung, daß jeder einem Gentleman glich. Sie waren ganz in weiße Leinwand gekleidet, auf dem Kopfe die hohe weiß überzogene Korkmütze mit dem rückwärtigen Schirme, der weit hinab den Nacken deckt, wie sie sich die englische Armee gegen die indische Sonne erfunden hat. Und so sommerlich angethan kommen uns alle Leute, die meisten sogar noch durch weiße Sonnenschirme gedeckt, entgegen. Glückliches Land, wo die Sonne das ganze Jahr über ihre Schuldigkeit thut und man nie vergessen kann, warum sie scheint!

Die Gassen, die ich aufwärts ging, steigen die Höhe zum Plateau hinauf, aber nicht so steil, als ich nach dem äußern Aussehen der Stadt erwartet hatte. Sie sind schmal, und so ist der Verkehr in ihnen zusammengedrängt und lebendiger als in mancher unserer breitspurigen Residenzstädte. Auch den Schatten haben sie dadurch gewonnen. Verschwendet ist dafür der Raum oben auf der Höhe, um den Platz zwischen der Stadt und der Festung auf das ansehnlichste auszubreiten. Seine eine Seite begrenzt die Stadt mit einer langen Zeile anständiger Häuser; dort, aus einer Seitengasse heraus, betrat ich ihn. Vor dem ebenerdigen Geschoße ziehen sich Arcaden her, so daß man einen weiten Weg gegen Regen und Sonne geschützt hat. Kaufleute haben darunter ihre Waaren ausgestellt. Unter dem vielen Primitiven fiel mir die große Anzahl der Möbelhandlungen auf. Links, wo diese Häuserreihe endigt, aber ihr schon gegenüber, steht der Palast des Lord Obercommissärs; aus gelblichem Malteserstein ist er in so schönen Formen gebaut, daß er des griechischen Himmels würdig erscheint. Zwischen ihm und den Häusern der Stadt bleibt ein enger Durchblick auf den Hafen und die albanesische Küste; vor ihm hebt sich eine Palme und um sie blühen Rosen- und Oleanderbüsche. Unter schattigen Alleen, die das ganze Oval des Platzes umsäumen und durchschneiden, ging ich weiter, durch tiefe Gräben von den hohen Mauern der Festung geschieden. An den Brücken, welche darüber herabgelassen waren, hatten wieder englische Soldaten die Wache. Da plötzlich, wo die Mauern und der Felsen abbrechen und die Aussicht zu meiner Linken auf das Meer wieder frei wird, blieb ich wie gefesselt stehen. Ein Bild, schöner noch als alle früheren, überraschte mich, ein Bild, das mich immer bei jeder Rückkehr auf die Insel zuerst anziehen wird.

Es ist der zweite größere Busen der Insel, der sich hier ostwärts gegen das Festland zu öffnet; von dem andern, nördlichen, trennt ihn das Vorgebirge der Festung, er ist weit und noch weniger eingebuchtet als dieser in einem kaum zu überschauenden Bogen bis zu seinem neuen Vorlande hingezogen. Das Ufer hart vor mir fällt steil und hoch in ausgewaschene Klippen hinab. Erst eine Strecke weiter auf dem Ausschnitte des Bogens senkt es sich zu ebenem Strande, auf dem eine weiße Straße hinläuft. Villen und Gärten liegen daran und ziehen sich so tief in’s Land hinein, daß es aussieht, als wolle sich die Stadt in’s Unübersehbare fortsetzen. Das Meer, das in dieser Bucht liegt, war blau und ruhig; nicht einmal die Riffe unter mir konnten ihm ein Gemurmel ablocken. Darüber hinaus ist das Festland mit anderen Buchten, mit den Bergen Albaniens, mit dem noch höhern Pindosgebirge, das dunkel vom Laube dichter Wälder die Geheimnisse des dodonischen Orakels bewahrt.