Ich stieg in einen Wagen, um weiter in das Innere der Insel zu dringen. Einzelne Palmen grüßen aus Gärten heraus; Cactus- und Aloehecken zäunen die Felder ein, dann nimmt uns ein Orangenhain auf, die Bäume voller Früchte, die mit ihrem Golde das Grün des Laubes entfärben; die freie Natur aber kömmt erst mit einem Olivenwalde. Uralte Stämme von so willkürlicher und mannigfaltiger Gestaltung, daß mir jeder besonderer Besichtigung würdig erscheint. Wer jemals eine Abneigung gegen diesen Baum gefaßt, vielleicht wegen seines grauen, eintönigen Laubes, der gehe hierher um sich von diesem Vorurtheile zu heilen. Der Zeichner und der Dichter kann für seine Landschaften keine malerischeren und stimmungsvolleren Baumgruppen finden. Es sind Bäume, wie sie Claude Lorrain geahnt. Der Boden ist zerhackt, wie zerbrochen, überall guckt das Erdreich hervor; einzelne Büsche von Gras und Blumen sitzen auf den zerstreuten Haufen herum; Schafe weiden dazwischen. Mir fallen alle Fabeln der antiken Dichtung ein, am deutlichsten aber sehe ich den Oedipus auf Kolonos illustrirt. So war der Hain, der den schwergeprüften Greis beherbergt und zuletzt verschlungen hat.

Wo wir wieder aus den Wäldern heraus an bewohntere Stätten kommen, springen Kinder herbei, den Wagen mit Rosen und Orangenblüthen zu bewerfen. An einer solchen Stelle steige ich aus; wenig Schritte seitab, die man mich führt, und ich habe eine dritte Bucht, den Hafen der Phäaken vor mir. Tiefer als eine der beiden andern zieht sie sich in’s Land hinein und vorn ist sie so geschlossen, daß ihr die Corfioten wie einem getrennten Landsee einen besondern Namen geben konnten. Den See von Calichiopoli nennt man sie; daß sie heute zu seicht zum Einlasse unserer Schiffe ist, war kein Grund gegen ihre frühere Benutzung. Dadurch eben bot sie in jener Zeit, als ein Paar starke Fäuste genügten, die geschnäbelten Schiffe auf das Ufer zu ziehen, die sicherste Unterkunft. Damit aber ja kein Zweifel über die ehemalige Verwendung dieser Bucht bleibe, hat Poseidon das gleitende Meerschiff phäakischer Männer, das den Odysseus nach Ithaka zurückgebracht und wieder auf der eignen Heimkehr begriffen war, versteinert vor den Eingang des Hafens hingestellt. Festgewurzelt in die Wellen steht der Felsen, ein Kapellchen, ein Paar Oelbäume und Cypressen darauf, wie ein Denkmal, das die Natur dem Dichter und dem Helden seines Liedes gesetzt hat. Ποντιχονῆσι, Ratteninsel, nennen sie es heute.

Der Hafen liegt tief unter mir. Weit um ihn herum ist bebuschtes Land gebreitet. Mir gegenüber, auf seinem jenseitigen Ufer, steigen die Berge von Casturi zum Thale hinab. Oelwaldungen bedecken ihre Hänge, und Landhäuser und kleine Ortschaften schimmern daraus weiß hervor. Ich saß lange und schaute und konnte des Eindruckes nicht satt werden. Wer wird auch das Paradies nicht genießen, wo es einem auf Erden schon geboten wird?

Das Letzte, was ich besuchte, war die Villa, welche die Kaiserin von Oesterreich einen Winter lang bewohnt hat, der gewöhnliche Sommeraufenthalt des Lord Obercommissärs. Sie steht auf dem entlegenen Vorgebirge der zweiten ostwärts geöffneten Bucht. Der Garten war voll üppiger Blumen; die meisten in der Blüthe, einzelne sogar schon verwelkt. Aber das bewundernswertheste ist der Ausblick von der Terrasse vor dem Gartensaale; Meer und Land umfassend reicht er vom Süden über den Osten bis zum Norden; die Nähe unmittelbar vor mir wild und schwindelnd mit hohem Felsabsturze bis zur See hinab, die Ferne mild und ausgeglichen in ebenem Linienschwunge und stille im heißen Mittagsschlafe des sommerlichen Frühlingstages. Uralte ernste Cypressen, höher als bei uns irgend ein Baum wird, nisten in den Felsen, die den Abhang hinab zum Meere auf einem steil verwegenen Steige führen. Auf regungsloser Fluth lag dort ein Kahn an die Klippen angekettet. Links hin in weiter Ferne, von Bäumen halb verdeckt, erscheint die Stadt, der doppelzackige Felsen des Festungsvorgebirges und darüber, wie seine vergrößerte Copie, der mächtige alles beherrschende Monte San Salvatore. Gegenüber auf dem Festlande sperren die Berge von Albanien die Aussicht. Schwarze Gewitterwolken ballen sich auf ihrem Schnee zusammen, drohend, als wolle uns der Prospero dieses Zauber-Eilandes die Absicht der Flucht verhindern; denn nur dieser dichterischen Schöpfung kann ich diese Insel vergleichen. In ihrem Rosenglanze und Orangendufte war mir oft, als höre ich aus den Lüften herab das verlockende Lied Ariels und aus den Büschen das keusche Liebesgeplauder Miranda’s und Ferdinands. Die Königin von England gibt dieses Kleinod ihrer Krone umsonst her, mir wäre es um die Schätze aller ihrer Indien nicht feil. Aber freilich droben in ihren Nebeln kannte die arme Frau nicht einmal was sie besaß.

Wir dampfen in der Straße von Corfu, rechts an dem Vorgebirge der Festung, an der Villa des Lord Obercommissärs, links an dem chäronäischen Gebirge, an dem chimärischen Vorlande vorüber. Hinter uns sind die vereinigten Berge der Insel und des Festlandes, vor uns, wo das Meer wieder weiter und freier wird, Paxos und Antipaxos, zwei felsige Eilande, Corfu nahe und von ihm getrennt, wie wenn sie einmal eins mit ihm gewesen wären. Hier war es, wo der römische Steuermann Thamus die wunderbare Weisung hörte, an der Bucht von Butrinto, also Corfu gegenüber, laut auszurufen, daß der große Gott Pan gestorben sei. Und als plötzliche Windstille dem Unfolgsamen den Ruf abgenöthigt hatte, da erscholl weit umher klagendes Wehegeschrei. Es war der Jammer um den Tod der alten Götter und um die Auferstehung eines neuen Glaubens. Alle Versuche dieses Wunder durch irgend etwas Natürliches zu deuten sind bisher gescheitert. Ich glaube, daß sich dergleichen Erscheinungen überhaupt nicht erklären lassen. Ihre Veranlassung liegt nicht sowohl in der uns umgebenden Natur, als in den Gemüthern und in der Zeit, welche von den Ahnungen der Geister bewegt ist. So sind oft ganze Generationen von dem Wunderglauben erfüllt. Es ist das besonders in den Epochen der Wiedergeburt, der Um- und Einkehr der Menschheit in sich selbst, in den glücklichen Tagen eines neuen Lebens der Fall, wenn der Mensch wieder zu glauben beginnt. „Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind!“ Auf ruhiger offener Fläche des Meeres, wo nichts den Sinn zerstreut und das Auge nur durch die gegenstandslose Ferne gefesselt wird, bilden sich dann solche Erscheinungen von selbst, und ungesprochen und ungehört glaubt und sieht sie das Ohr und das Auge.

Während ich in Corfu auf dem Lande war, hat das Verdeck unseres Schiffes ein anderes Aussehen bekommen. Albanesen, Türken, Griechen, Montenegriner lagern darauf in solcher Menge, daß ihnen auch ein Theil des ersten Platzes eingeräumt werden mußte. Es ist die Levante, die uns auch hier umgibt mit malerischen Trachten und charakteristischen Physiognomien. Die Meisten tragen weiße, grellroth verbrämte Flanelljacken, Mäntel, enganliegende Hosen und Gamaschen aus demselben Stoffe, mit den gleichen Verzierungen, das sind Albanesen und Montenegriner. Einige aber, offenbar wohlhabendere, haben diese Kleidungsstücke aus blauem und rothem Tuche, über und über mit Gold gestickt. Andere, denen Hunger und Sorge die scharfen Gesichtszüge noch mehr ausgefeilt haben, sind bis auf ein zerrissenes Hemd und die nothdürftigsten Lumpen unbekleidet. Was von Griechen aus dem eigentlichen Griechenlande darunter ist, zeigt mit einem gewissen Stolze das bekannte Griechenkleid, die Fustanella, die Jacke, Gamaschen und das rothe Fez. Möglichst abseits von diesem Volke, das laut und beweglich ist, halten sich ruhig und still die Türken. Es sind Soldaten, die nach Konstantinopel zurück müssen, während die übrigen der Hunger, die Gewinnsucht und die anderen Triebe der Hoffnung dahin treiben. Alle haben ihr Mobiliar und ihr ganzes bewegliches Eigenthum bei sich in großen Ballen zusammengeschnürt. Da es Abend wird, knüpfen sie die Schnüre auf und rollen, die Reicheren dünne Matrazen und gesteppte Decken, die Aermeren nichts als langhaarige Kotzen zu ihren Nachtlagern auseinander; darauf ausgestreckt, verzehren sie das sparsame Mahl, das sie mitgebracht, Knoblauch, Zwiebeln, rabenschwarzes Brod, und nur die, denen es besser zu gehen scheint, essen Käse dazu. So genügsam ist dieses Volk und darum nicht schlechter daran als das nordländische, das sich mit Bedürfnissen übersättigt.

In all’ dem Lärm und Gedränge, den diese Einwanderung veranlaßt hat, sitzt mein Perser unberührt und unverändert wie früher, das großbuchstabige Buch auf den Knieen, vorne auf demselben Flecke. Staunend über so viel Insichgezogenheit stand ich lange bei ihm und dachte wie naturwidrig doch das Bestreben unserer Civilisation sei, Menschen so verschiedenartig, wie ich sie hier auf dem engen Raume eines Schiffes versammelt sah, unter dieselben Gesetze zwingen, zu demselben Culturzustande erziehen zu wollen. Zerstreut durch solcherlei Gedanken und dann auch weil es schon dunkelte, stolperte ich über einen der schlafenden Albanesen. Der Mann erwachte nicht, aber im Schlummer griff er nach seinem Dolche. Gab’s eine aufrichtigere Sprache, aber auch eine die mir verständlicher die Lebensart des ganzen Volkes geschildert hätte? Und sie ist die richtige, die von Gott gegebene. Streich für Streich, Faust gegen Faust. Die Civilisation sieht freilich mit Verachtung auf unser Mittelalter herab, weil es das so gemacht; aber wenn man den heutigen Sitten die Tugendkapuze abstreift, was bleibt dann anderes als das Faustrecht, der Kampf des Einen gegen Alle, das ôte toi que je m’y mette? Daß es von unseren großstädtischen Börsen statt von den vereinsamten Burgen aus geübt wird, ändert an dem Werthe der Sache nichts.

9 Uhr Abends.