Nach 10 Uhr sind wir bei Tenedos, links zeigt es sich mit nackten, niederen Bergen; Imbros daneben höher und mit Umrissen, wie ich sie dem Auge wohlgefälliger noch nicht gesehen, das Mächtige ist dem Zierlichen gepaart. Ob das dahinterliegende Samothrace ihnen beigemischt ist, kann ich nicht unterscheiden und von der unwissenden Umgebung auf dem Dampfer nicht erfahren. Auf der anderen Seite, also rechts wo das Festland, breitet sich die Ebene von Troja aus. So zeigt sich mir Asien gleich zuerst mit einem der denkwürdigsten seiner Felder. Grüne Grabhügel kennzeichnen unverkennbar die geweihte Stelle. Auch hier also Gräber, die die Wärter der Erinnerung sind. Alles um sie herum scheint verlassen, ausgestorben, keine andere Spur von Priamos’ Stadt, der ragenden Ilion und dem Kampfe der Götter und Menschen.

Es ist diese Sprache der Gräber vielleicht noch niemals ganz verstanden worden. Das ganze Leben über sehen wir den Menschen mit der Wahl seiner Grabstätte beschäftigt, und nach seinem Tode wird es der erste Gedanke des Trostes für seine Hinterbliebenen, ihm ein schönes Denkmal zu errichten. Die anderen Geschöpfe kennen diesen Wunsch nicht; die Menschheit aber durchzieht er so weit sie lebt und bis in ihr höchstes Alterthum zurück. Ueberall findet sich, bei dem einen Volke nur deutlicher als bei dem anderen, der Glaube ausgesprochen, daß die Ruhe der Todten und der Genuß der Unsterblichkeit an die Erhaltung eines Grabes gebunden sei. Man hat diesen Wahn durch das Motiv der Eitelkeit erklären wollen, die sich über den Tod hinaus zu verewigen trachte; aber hat diese Erklärung die Menschheit nicht vielleicht zu strenge gerichtet, und widerspruchsvoll einen häßlichen Trieb einer Handlung unterschoben, die doch an und für sich nur schön und edel ist? Kann dieser Todtencultus nicht vielmehr ein instinctives Verstehen, das Ahnen einer Wahrheit sein, die noch verschlossen und vielfach bezweifelt doch die Grundlage unseres ganzen Wesens ausmacht? Solch’ ein Hügel, eine Säule, ein einfacher Stein, eine Inschrift wahren dem Menschen über Jahrtausende hinaus das Andenken bei seinen Nachfolgern; in ihrer Erinnerung lebt er wieder auf, lebt er geläutert fort. Immer reiner, immer makelloser werden dabei seine Züge, alle Schlacken fallen ab, daß zuletzt nur noch ein ideales Bild von ihm bleibt. Warum aber soll diese Unsterblichkeit, die ihm auf Erden wird, nicht auch in einer andern Welt möglich sein; warum für den geistigern Theil unseres Wesens, für die Seele, nicht das gelten, was unserem irdischen Andenken zu Theil wird; warum nicht vielleicht gerade dieses immer sich vervollkommnende Bild der Erinnerung der gleichzeitige Abdruck des inzwischen erlösten und verklärten Geistes sein? — Jedenfalls muß es überraschen, daß je weiter man reist, man überall diesem selben Gräberglauben begegnet, und daß gerade die feinst gebildeten Völker des Alterthums, die Aegyptier und die Griechen, die Ruhe des Todten durch sein Begräbniß bedingt sein ließen. Auch daß die Kunst zu allen Zeiten neben der Gottesverehrung zuerst dem Todtencultus gedient hat, ist kein geringes Zeichen für dessen geistige Bedeutung. Diese Hügel waren dabei ihre erste entwickeltere Form. Das Muster dazu hatte die Natur gegeben. Ob lästig oder bewundert, mächtig werden die Berge der Phantasie des Menschen immer erschienen sein, und sie nachzuahmen, Hügel hinzustellen wo keine waren, immer als ein Werk gegolten haben, das groß und rühmlich war. Die Pyramiden, diese alten Räthsel, sind für mich nichts als mit anderem Materiale und mit größerer Kunstfertigkeit ausgeführt die Kinder dieses selben Gedankens. Mit den asiatischen Grabhügeln haben sie vielleicht ihre Heimath in dem ältern Indien gemein, und die Obelisken wieder sind nur ihre schwindsüchtigen Abkömmlinge.

So sehr bin ich von der Allgemeinherrschaft dieser Kegelform überzeugt, daß ich geradezu die ganze Baukunst der Alten über sie construirt erklären möchte. Die beiden oben zusammenlaufenden Linien sind dem Auge das Wohlgefälligste, und, da das Nachahmen in der Natur des Menschen liegt, so wiederholte er diese Bildung mit mehr oder weniger Variationen, wo sie ihm nur immer möglich war. Die ägyptischen Tempelwände stehen nach Innen geneigt, die Kanten der Thüren und Fenster wachsen gegen oben zusammen und das Löwenthor zu Mykenä wie das am Schatzhause des Atreus sind oben enger als unten geöffnet. Aber mehr noch, auch die Säulen des Parthenon und des Theseustempels stehen nicht senkrecht auf ihren Basen, sondern leicht nach dem Centrum des Gebäudes zu geneigt. Der Grieche hatte im Auslande die Vorzüge eines eigentlich durch die Natur schon angedeuteten Gesetzes erkannt und wußte es in der Bauweise seiner eigenen Kunst zu verwerthen. Unsere Zeit freilich, die sich indessen auf dem Klimax aller Bildung glaubt, konnte den Entdeckern dieser Eigenthümlichkeit sogar ihr Vorhandensein bestreiten, weil sie nicht das Auge hat, die Gründe dafür zu begreifen.

Kein Blick auf eine andere Stätte der Welt hat mich mehr bewegt, als der auf dieses Feld von Troja. Es ist nicht Gefallen an der Landschaft, denn die Luft ist kalt und farblos; es ist auch nicht jenes unbedachte Entzücken, das sich in Selbstvergessenheit verliert, denn mir bleiben hundert betrachtungsvolle Gedanken; es ist vielmehr etwas wie Staunen und Grauen, daß die Fabeln wahr gewesen und daß Meer und Land die Schicksale der Helden überdauert haben. Welche Thaten spielten auf diesem Boden! So ungeheuer und herrlich, daß die spätere Anwesenheit eines Xerxes, Alexander und Cäsar, die hier alle der ältern Erinnerung gehuldigt, gebetet und geopfert haben, vergessen werden kann. Es war die orientalische Frage, die auf diesem Flecke Europa und Asien zum ersten Male einander gegenüber stellte, und die dann jene späteren Eroberer fortgesetzt haben. Kein anderes Wort war prophetischer als das des Homer:

Drüber sodann ein großes, bewunderungswürdiges Grabmal

Häuften wir heiliges Heer der Danaer, fertig im Speerwurf,

Am vorlaufenden Strande des breiten Hellespontos;

Daß es fern sichtbar aus der Meerfluth wäre den Männern

Allen, die jetzt mitleben und die sein werden in Zukunft.

Odyssee XXIV, 80.