Und es bemerke wer hier vorüberfährt, wie richtig das Wort auch die Gegend zeichnet. Der vorlaufende Strand des Hellespontos ist das sigäische Cap, und die Hügel sind fernhin sichtbare auf die Meerfluth hinaus. Und so wie sie aufragen über Myrthen und Tamariskenholz, das um sie wuchert, prägen sie sich meinem Gedächtnisse ein. Daß sie die Natur nicht erschaffen, daß sie Menschenhände aufgeworfen haben, das muß auch das ungläubigste Auge begreifen. Zuerst, wenn man das troische Cap umschifft und beinahe auf seiner Höhe selbst, erscheint der des Peneleus; weiter im Lande drinnen der älteste und höchste, der des Aisyetes; der des Antilochus wieder näher dem Meere, und zwischen ihm und jenem mag ein kaum mehr merkbarer Erdaufwurf der des Hector sein. Die Hügel des Achilleus und des Patroklus sieht man, wenn das sigäische Cap umschifft ist, und dort innerhalb der Dardanellen auf dem Strande der Bucht, die sich gleich neben dem Cap einbeugt, auch den höheren des Ajax. Bei diesem und bei dem des Achilleus fand noch Strabo Tempel, in welchen die Ilier den Helden Todtenopfer darbrachten. Aus dem Tempel des Ajax soll erst Antonius das Standbild genommen haben, um der Cleopatra damit ein Geschenk zu machen, wenn nicht Schmeichelei auf Kosten des todten Feindes dieses Lob des regierenden Kaisers erfunden hat, denn derselbe Bericht erzählt, daß Augustus sich beeilt habe, nach der Gefangennehmung der Aegyptierin dieses Bild von Alexandrien nach seinem ursprünglichen Tempel zurückzusenden.

Hinter diesen Gräbern und der Ebene, sie und das Meer beherrschend, erhebt sich der Ida. Langgestreckt von der Küste des ägäischen bis zu dem Meere von Marmora reichen seine Arme, und quellenströmend, wie ihn Homer genannt, rieseln ihm Bäche von allen Seiten hinab. Auch „vielgewunden“ finde ich ihn; wie über Stufen steigen seine Höhen zu der höchsten, dem Gargarus, hinauf. Dort haben Schnee und Eis ihr winterliches Nest aufgeschlagen und finstere Wolken kriechen empor, als wolle sich der Vater Zeus wieder einmal droben zu liebender Kurzweil verbergen, vielleicht aber auch um neue Blitze und neues Unwetter gegen uns zu schmieden. Den Geistern der Erschlagenen ähnlich, die den Kampf der Lebenden wiederholen, ringen die Spiegelungen der Wolken unten auf der weiten Ebene.

Die Küste theilen drei Vorgebirge ab. Auf dem ersten, dem troischen Cap, stand einstens Antigonia Troas; später, als der große Macedonier nach dem Siege am Granikus hierher gekommen war, und das Dorf durch Weihegeschenke geehrt und zur Stadt erhoben hatte, Alexandria Troas; jetzt stehen nur mehr wenige elende Holzhütten darauf, die sich aber wieder mit stolzem Namen Eski Stambul, Alt-Constantinopel, ausgezeichnet haben. Vielleicht ist es dasselbe Gefühl, das auch gestürzte Familien mit dem Schein den Glanz der verlorenen Größe zu retten treibt, das diesen Selbstbetrug veranlaßt hat. Seit dem Sturze der ersten Stadt war dieser Boden, wie auch jener andere in Kleinasien, wo die Geburtsstätte unserer Religion ist, verurtheilt, nur Ruinen und Erinnerungen zu tragen. Es scheint, daß mit dem einen Werke der eine an die Kunst, der andere an den Glauben alle seine Zeugungskraft hingegeben hat.

Das zweite Vorgebirge ist das achäische. Hinter ihm, aber tief im Lande, am Skamander, stand Ilion und die Burg des Priamus. Es deckt die Beschika Bay, wo die englischen und französischen Flotten den Befehl zu der neuen Argofahrt, dem letzten Krimkriege, erwarteten. So reichen sich über Jahrtausende weg die Ereignisse die Hände.

Hoch und weit ins Meer vorspringend ist nur das dritte Vorgebirge, das sigäische. Seine Ufer fallen steil und weißkreidig ab. Aus dem ägäischen Meere treibt der Südwind und aus dem Hellespont der Nordwind die Wellen mit vollen Breitseiten dagegen. Der Tempel der Athene und die Stadt, welche einmal darauf lagen, waren schon zu Strabo’s Zeit zerstört. Auch eine Colonie der Athener, vielleicht eine der Pisistratiden, und der Dienst der Hekate müssen hier einmal heimisch gewesen sein. Eine Münze, die man jetzt eben hier gefunden, zeigt den Kopf der Hekate und auf der Rückseite den Halbmond dieser Göttin neben der Eule von Athen, und die Umschrift σιγε. Ich sehe heute auf dem Giebel des Caps eine türkische Ortschaft halb in Büschen verborgen, und neun Windmühlen, die der Nordwind in arbeitsamer Bewegung erhält.

Gegenüber dem asiatischen Lande greift das europäische nicht weniger entschieden in die See hinaus. Es ist die Spitze des thracischen Chersones, das Cap Mastusia der Alten, Elles Cap der Heutigen. Mit dem sigäischen Vorgebirge sperrt es den Zugang zu neuen Meeren und zu anderen Reichen. Hier ist die Grenze, welche die europäischen Mächte selbst ihren Kriegsschiffen gesetzt haben. Von den weißen, abgewaschenen Uferwänden herab vertheidigen sie die neuen Dardanellenschlösser mit festen Mauern, Kanonen und türkischen Soldaten gerade den Einfahrenden entgegen.

Unter diesem und dem sigäischen Cap bis zur Beschika Bay zurück hatte eine ganze Flotte von Handelsschiffen Schutz gesucht. Wir zählten ihrer neunzig. Die Segel waren eingezogen, so daß, als wir zwischen ihnen durchdampften, die Fahrt der in einem gefüllten Hafen glich. Der Nordwind wehrte ihnen immer noch das Einlaufen in die Dardanellen. Eben da uns dieses gelang, rannte an uns vorbei ein Schraubendampfer des Lloyd. Er ging schneller als unser Boot, der Wind, der mit ihm war, blähte ihm die Segel. Es war das Wochenschiff nach Smyrna.

Gleich nach dem Eintritte in die Dardanellen verschließt das sigäische Cap den Rückblick auf das freie Meer; der Hellespont biegt tief nach Asien ein; das Feld von Troja bleibt sichtbar und zwar von dieser Seite aus mit seinem malerischsten Anblick. Der Ida zeigt sich in seiner Profilstellung weit entwickelt, wie um das ganze Bild zu umfassen; der Mittelgrund ist durch Hügelzüge, die vom Vorgebirge aus ins Flachland zurücklaufen, belebt, die Küste durch Gebäude und Bäume, die um die Mündung des Skamander stehen. Die Grabhügel sind erkennbar, der des Aisyetes insbesondere auch dann noch, wenn alle übrigen verschwunden sind und das Auge nur mehr den Ida unterscheidet. So bleibt dem Bilde immer noch sein Heiligenschein.