Auf dem europäischen Ufer, dem sich unser Schiff näher hielt, folgen fünf Pfeiler einer Wasserleitung, Cypressen und Pinien darum; dann in einsamer Lage ein Bethaus und neben ihm das erste Minaret, das ich sehe. Aber umsonst ist ihr Bestreben, mir den Süden zu heucheln; die Kälte enttäuscht Alles und auch die Farben sind solche, daß die Landschaften mehr denen des Nordens als den geträumten des Südens gleichen.
Obwohl sich das Auge in den letzten Tagen an größere Entfernungen gewöhnt hat, erscheinen ihm die Ufer des Hellespont noch immer weit genug auseinander. Breite Wellen treiben zwischen ihnen uns gerade entgegen; nach den gestrigen aber bleiben sie unempfunden. So dauert der ganze Tag fort, licht-, sonnen- und eigentlich auch poesielos. Keine anderen Eindrücke als Enttäuschungen; nur die alten Dardanellenschlösser überraschen. Sie sind romantisch schon durch ihre Formen. Das asiatische, das meiner Besichtigung näher kam, besteht aus alten grauen Thürmen, die Mohamed der Eroberer gebaut. Eine große, gelb angestrichene Caserne haben sie daneben gestellt, Batterien davor und in der Bucht, die sich tief einschneidet, ankerten zur besseren Vertheidigung türkische Kriegsschiffe, zwei Dampfer darunter. Das Land springt an keiner andern Stelle mehr als hier in den Hellespont vor, zuerst flach und eben von grünen Wiesen überzogen, wo es aber in die Fluth abfällt zu einem plötzlichen Hügel aufgewachsen. Ohne Zusammenhang mit den Bergketten des inneren Festlandes macht dieser Höcker den Eindruck, als sei er für sich allein aus dem Wasser aufgestiegen; und es hat ihn wohl auch erst eine spätere Eruption geschaffen, vielleicht im Zusammenhange mit den Goldlagern, welche einmal nahebei von den Abydenern betrieben worden sind. So hätte doch die Sage ein Theilchen der Wahrheit getroffen, wenn sie erzählt, daß dieser sonderbare Hügel von Menschenhänden aufgeworfen sei, um Schätze zu verbergen, und ihn deshalb Mal tepe, das Grab der Schätze, nennt.
Unbegreiflich ist es mir übrigens, wie man diesen Hügel vor Augen, den Herodot und den Strabo in Händen, über die Lage der Brücke des Xerxes streiten kann. Wollte heute wieder ein Eroberer über den Hellespont von Asien nach Europa hinüber, er könnte zur Ueberschau des Heeres nur den Mal tepe und zur Auslegung des Brückenkopfes in Asien nur die Spitze dieses Vorgebirges, dort, wo es sich schon dem Marmora-Meere zuwendet, wählen. Abydos lag neben daran in der Bucht, die gegen den Propontos hinsieht, und Sestos ihm gegenüber, also östlich neben dem Brückenkopfe in Europa, dort, wo jetzt grüne Wälder das Ufer decken. Von dem Thurme, den die Leandersage verherrlicht und den Reisende dort gefunden haben wollen, sah ich aus dieser Entfernung nichts; aber Grillparzer’s gedachte ich mit dankbarem Herzen. Es gleicht die Fahrt auf dieser Stelle des Hellespont der auf den lieblichen Fluthen des Rheines, wo Sänger und Sagen sich verbunden haben, die Ufer mit ewig blühenden Kränzen zu schmücken. Auf der einen Seite die Liebesklage der Hero um den Geliebten, auf der andern Seite die des Xerxes über die Vergänglichkeit und die Nichtigkeit des menschlichen Lebens. Denn dort auf dem Mal tepe muß der Altan gewesen sein, den ihm die Baumeister aus weißen Steinen errichtet hatten, und von dort herab muß er das Land und das Meer voller Menschen und Schiffe gesehen, sich gefreut und dann geweint haben. Ich konnte nie, schon als Knabe nicht, da mir mein griechischer Meister den Herodot übersetzte, das darauf folgende Gespräch des Königs mit dem Artabanus ohne die tiefste Rührung lesen; heute, den Schauplatz vor Augen, erschüttert es mich bis zu Thränen. Es ist etwas wie von den Klagen, die hier ausgesprochen wurden, in der Luft geblieben, und das athmet mit ein, wer heute nach tausend Jahren hier Athem holt.
Alexander der Große, die Hunnen, die Türken zweimal, unter Soleimann und unter Murad, gingen dem Xerxes nach auf derselben Straße über den Hellespont. Was auf Troja begann, wenigstens für unsere Geschichtskenntniß, die orientalische Frage ward an dieser Stelle fortgesetzt. Und wer darf sagen, daß es heute schon für diesen Boden sein Ende erreicht habe? Die Bestimmung einzelner Erdenflecke ist wie die der großen Männer, uns Heldenthaten zu liefern.
Ein paar Stunden später passiren wir Gallipoli, die erste türkische Stadt, die ich sehe. Es sind niedrige Holzhäuser unter Bäumen versteckt und Minarete, die daraus hervorragen.
Um halb 5 Uhr trat das Schiff in den Propontos hinaus. Glatt und ruhig, aber schwarzblau von dem Widerschein drohender Wolkenmassen lag er vor uns. Ein französischer Dampfer kam uns aus der Dämmerung, die im Osten schon nächtig war, entgegen; die Sonne ging hinter den thracischen Bergen in Farben unter, wie sie bei uns nur kalten Wintertagen eigenthümlich sind. Um halb 9 Uhr fuhren wir der Marmora-Insel vorbei. Ein großer gewaltiger Klotz zu unserer Rechten ist sie von regenhältigen Nebeln entstellt. Ankommen sollen wir erst morgen früh.
An Bord des „Stadium“, 20. Mai, Morgens.
Ich hatte den Auftrag gegeben, daß man mich bei Zeiten vor der Einfahrt in den Hafen wecke. Ueberflüssige Sorgfalt! Schlaflos, so wie uns in der Erwartung des fünften Actes eines Trauerspieles der Athem ausgeht, war mir die Nacht geworden; Stunde um Stunde erwachte ich. Lange sah ich nur schwarze Finsterniß, dann das matte Licht der Dämmerung, endlich die grauen Farben eines nebeligen Morgens. Das gleichmäßige Arbeiten der Maschine und Räder währte immer noch fort. Als man mich rief, hielten wir schon im Hafen. Aber welche Ueberraschung! Ein Sturz von bergehoher Hoffnung in bodenlose Enttäuschung, ein Fall, wie man ihn manchmal im Traume thut. Nicht im Bosporus, in der Themse mußte ich mich glauben. So dicht engten uns die Nebel ein, daß ich nicht einmal von den beiden Ufern des goldenen Hornes, zwischen denen ich uns nach der Karte wußte, viel weniger von dem asiatischen etwas sah. Und jetzt, wo sie sich endlich theilen und verziehen und auf den Hügeln zur Rechten Theile von Pera und Galata, auf denen zur Linken die Seraispitze und Stambul, vor uns die erste Hafenbrücke und hinter uns in weiterer Entfernung das asiatische Skutari sichtbar wird, ist Alles so sonnen- und glanzlos, so ganz ohne Licht und Farbe, daß das Gefühl der Unbefriedigung mit jeder schwindenden Wolke, mit jeder neuen Stunde wächst. Verstimmt sitze ich auf dem Verdecke und lasse die anderen Passagiere sich ausschiffen. Erstaunlich erscheint mir nur die große Zahl von Schiffen, welche im Hafen liegen und der lebendige Verkehr von Dampfern, der sich um uns regt. Zwei große sind zugleich mit uns angekommen, ein dritter ist in Bewegung nach dem schwarzen Meere abzugehen, und hundert andere ruhen an ihren Ankern. Dazwischen schieben sich eine Menge kleiner Hafendampfer durch, die nach und von allen Seiten, dem Marmora-Meere, Skutari, dem Bosporus etc. gehen und kommen; die, welche nahe genug an dem unserigen vorbeidampfen, sehe ich mit Menschen überfüllt. Sich und den Ruderbooten geben sie mit fortwährendem Pfeifen Warnungszeichen, um einen Zusammenstoß und das Ueberfahren zu verhüten. Das ist mir neu, denn so großartig habe ich den Verkehr in keinem andern Hafen gefunden.
Das Geschrei der sich Ausschiffenden und die Aufdringlichkeit jüdischer Agenten, die mir ihre Führerschaft anboten, trieben mich in die Kajüte hinab. Nicht ohne Bedauern nehme ich Abschied von den vier engen Holzwänden. Wie genügsam unser Leben sein kann, begreift der Mensch erst, wenn ihn die Gewohnheit des Wenigen von dem Ueberflüssigen des Mehreren überzeugt hat.